St. Georg in Nördlingen (Schwaben) ist mehr als eine gewöhnliche evangelische Stadtkirche, sondern auch ein informelles Museum der Renaissance-Sakralkunst. Die Wände sind gespickt mit Malereien und Schnitzereien des 17. Jahrhunderts. Im hinteren Bereich, an der südwestlichen Seite, ist ein Epitaph aus dem Jahr 1632 zu entdecken. Es erinnert dort an den Zahlmeister und Bürger Johann Stahel (auch Stahl), der am 6. November 1632 verstorben ist.

Zwischen zwei Bildfeldern mit den aufgemalten Allegorien der Geduld (links) und Hoffnung (rechst) als stehende Frauenfiguren ist die Erscheinung des Neuen Jerusalem gesetzt. Es ist eine annähernd quadratische Stadtanlage mit jeweils drei Toren an einer Seite. Sie alle sind mit kleinen Engelsfiguren besetzt. Die Stadtviertel im Inneren bestehen aus zahlreichen eng aneinander gesetzten Wohnbauten zwischen insgesamt sechs schmalen Gassen (von Tor zu Tor, drei von Süd nach Nord, drei von Ost nach West).

Vorlage dieser Malerei war eine Fassung von „Vitam Aeternam“ (16. und 17. Jh.) – welche genau, ist nicht möglich zu sagen. Ebenso wissen wir nicht, ob der Künstler seine Malerei womöglich als eigene Idee verkaufte, oder ob die Vorlage vielleicht auch vom Auftraggeber (die Frau des Verstorbenen, Kinder oder Erben) gewünscht war. Dennoch sollen einige bemerkenswerte Unterschiede zu „Vitam Aeternam“ nicht verschwiegen werden: Die gesamte Stadt ist in einen opaken Lichtkegel getaucht, der von oben seinen Ursprung nimmt. Die Folge: Die Farben wirken matt, Einzelheiten können weniger gut erkannt werden. Der Zionshügel in der Stadtmitte ist hier leer belassen. Man findet das Lamm Gottes, das ansonsten immer auf der Anhöhe seinen Platz hat, erst weiter oben in den himmlischen Gefilden. Dort stehen auch die 144.000 als Block, ganz ähnlich wie auf einem Frontispiz von William Marshall aus dem Jahr 1642.
Die Stadt ist von einer rustikalen, mittelalterlich wirkenden Mauer umzogen, mit zahlreichen Zinnen besetzt. Diese Idee nahm der unbekannte Maler von einer anderen großen Vorlage, die damals das Neueste war, was man zitieren konnte: Das Himmlische Jerusalem aus der Merianbibel.
Unter der Malerei finden sich weitere wichtige Informationen, zunächst ein Zitat aus dem 25. Kapitel des Werks „Vom Gottesstaat“ von Augustinus: „O Meine Seele mache dich auff, seime dich nicht komme eylend, und laß unß hingehen in die himmlische Statt darinne wir durch Christum unseren heyland albereit beschribne unnd verordnete Bürger seind“. Anschließend folgt eine kurze Nennung des Verstorbenen: „ANNO 1632, den 6. Novembris ist in Christo seeliglich entschlaffen der Ehrntieff unnd vorgeachte Herr Johann Stahel gewester Bürger unnd Zahlmeister alhier. Seines alters im 64. Jahr den Gott ein frolich aufferstehung verleihen wolle“.
Elmar D. Schmid: Nördlingen, die Georgskirche und St. Salvator, Stuttgart 1977.
Evang.-luth. Kirchengemeinde Nördlingen (Hrsg.): 550 Jahre St-Georgskirche in Nördlingen (1427-1977), Nördlingen 1977.
Andrea Steinmeier: 1100 Jahre Nördlingen, Nördlingen 1998.
Klaus Raschzok, Dietmar-H. Voges: ‚… dem Gott gnädig sei‘. Totenschilde und Epitaphien in der St. Georgskirche in Nördlingen,Nördlingen 1998.
Albert Schlagbauer: St. Georg in Nördlingen, Regensburg 2006 (7).



