Weltgericht aus Iwanowo (1700-1750)

Diese russische Weltgerichtsikone befindet sich heute in der Sammlung des Museum-Reservats Pereslavl. Pereslavl gehört zum sogenannten „Goldenen Ring“ nordöstlich von Moskau mit zahlreichen historischen Klosteranlagen und Kirchen mit einem heute noch beachtlichen Bestand an Ikonen. Diese mit dem Motiv des Weltgerichts soll aus dem 18. Jahrhundert stammen, als die bildlichen Elemente dieses Themas längst feststanden. Auch das Himmlische Jerusalem als Aneinanderreihung in Form und Farbe unterschiedlicher Architekturlemente mit einer Pforte und einem Wolkenband war bereits etabliert, das zeigt ein Blick auf die Weltgerichtsikone der Tretjakow-Galerie (16. Jh.), die Weltgerichtsikone aus dem Louvre (1650-1700) oder diejenige aus der Mironositskaya Kirche in Vologda (um 1675).
Die gängigen Elemente wurden hier im Barocksti variiert. Obwohl die Ikone in drei Teile zersplittert ist und im unteren Bereich schwere Schäden aufweist, ist das Himmlische Jerusalem gut erhalten. Dieses Phänomen kann man öfters beobachten. Es resultiert daher, dass die Malereien etwa an der Ikonostasis im unteren Bereich von der Kleidung der Gläubigen, aber auch von den Geistlichen über die Jahrhunderte hinweg regelrecht abgerieben wurden – dazu muss man sich nur eine volle Kirche vorstellen, bei der Menschen dichtgedrängt über Stunden direkt vor den Gemälden standen – Schutzverglasungen hat es damals noch nicht gegeben.

Diese Ikone zeigt sehr schön drei separate Bauteile in weichen Pastellfarben. Ein grünes offenes Tor mit einem Turm, eine rosa Wand und schließlich ein expressives Bauwerk im Zackenstil in hellem Gelb. Dort befinden sich zwei weitere Zugänge. Geht man von einem quadratischen Himmlischen Jerusalem aus, wie es natürlich auch die Ostkirche kannte, könnte hier eine Seite mit drei Toren gezeigt sein. Vom Außenbereich ist die Stadt durch ein Wolkenband abgegrenzt, im 18. Jahrhundert heller und freundlicher als die dunklen Bänder der Werke aus Velikopermskiy, Jaroslawl oder Palech. Weiter wird der freundliche Gesamteindruck verstärkt durch die Gartenszene mit Sträuchern und Blumen im Hintergrund, was ebenso auf der Paradieszene dieser Ikone (unten links) zu finden ist und auf die Ähnlichkeit beider Schutzorte verweist.
Die 146 x 122 Zentimeter große Temperamalerei wurde im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts für eine russisch-orthodoxe Gemeinde in Iwanowo angefertigt. Im Zuge der stalinistischen Enteignungen gelangte sie erst nach Moskau, war dort längere Zeit unsachgemäß eingelagert, bis sie in das Museum-Reservats Pereslavl gebracht wurde. Heute wird auch von Museen die Zerstörung vieler Kirchen und Kunstwerke in den 1920er und 1930er Jahren bei der Präsentation solcher Kunstwerke, die überlebt haben, meist übergangen, ist aber in der älteren Forschung dokumentiert.

 

tags: Weltgericht, Museumsreservat, Barock
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