Jean Ganiere (um 1615-1666): Kupferstich „Refugium Peccatorum“ (1650 um)

Neben hochwertigen Ölmalereien und hochwertigen Kupferstichen akademischer Meister hat es auch immer wieder Arbeiten gegeben, die von der Kunstgeschichte ignoriert wurden, manchmal zu unrecht, manchmal aber einfach auch aufgrund der grottenschlechten Ausführung. Hier haben wir ein besonders problematisches Beispiel vor uns: Bei der Figur denkt man, wegen des Bartes, der männlichen Gesichtszüge und des Strahlenkranzes an Christus, doch es soll Maria sein, auf einer Mondsichel, von einigen ihrer Symbole umgeben:
-ein Stern, der nach unten strahlt und wie ein verunglückter Komet aussieht;
-eine Taube im Sturzflug, nicht Richtung Maria, sondern zum Betrachter hin;
-ein Hortus Conclusus, im Vergleich zu den übrigen Symbolen überdimensioniert;
-und eine Civitas Dei, so wie noch nie im Kontext der Lauretanischen Litanei dargestellt.

Offensichtlich sollte die Stadtmauer zunächst ein Quadrat formen, dessen Ecke zur Mitte hin gedreht wurde. Die vordere Ecke wurde dann abgeschrägt und mit einem Haus besetzt, obwohl weiter unten bereits das „Goldne Haus“ zu finden ist. Wahllos wurden dann schwarze Blöcke auf die Mauer gesetzt – Tore? Türme? Unfertiges? Auch der Titel unter der Zeichnung ist eigenartig. In fast allen anderen Fällen lautet der Titel „Tota Pulchra“, „Maria Immaculata“ (bzw. „Maria Immaculada“ etc.) oder „Lauretanische Litanei“. „Refugium Peccatorum“ ist zwar auch ein Marientitel, aber mit der Darstellung der Symbole, die gerade Reinheit von Sünde thematisieren, etwas kontraproduktiv. „Ora“ hat der Künstler noch isoliert hinzugesetzt, gemeint ist „Ora pro nobis“.
Ganiere hat diese Arbeit ausgeführt, so ist es unten links verzeichnet. Dabei handelt es sich um den französischen Gebrauchsgrafiker Jean Ganiere (auch Gagniere), von dem man noch ca. ein Dutzend weitere Stiche kennt Wirtshausszenen, Stillleben, Porträts – Christliches war nicht sein eigentlicher Schwerpunkt.

 

tags: Spätrenaissance, Frankreich, Maria Immaculata, Civitas Dei
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