Die römisch-katholische Kirche zeichnet ein Phänomen aus, das bislang kaum einmal positiv herausgestellt wurde: Nach 1945 brachte sie große Sakralkünstlerinnen hervor, in Deutschland namentlich drei: Erentrud Trost, Else Hildegard Bircks und Hildegard Bienen (Reihenfolge ohne Wertung). Überspitzt könnte man sage: Hatte man als Frau ein besonderes religiöses Interesse, wurde man im Protestantismus Pfarrerin, im Katholischen Künstlerin, oft in Verbindung mit einer Ordensgemeinschaft. Doch freilich muss man auch beim Katholizismus einschränken: Dome, Stiftskirchen und bedeutende Hauptkirchen durften Männer ausgestalten, Sakralkunst seitens von Frauen waren eher in Filialkirchen, Kapellen oder Pfarrkirchen auf dem Land zu finden. So ist es auch in Xanten am Niederrhein gewesen: Die Fenster von St. Viktor (dem „Xantener Dom“) gestalteten Paul Weigmann, Anton Wendling und Wilhelm Geyer, während in Xanten-Birken etwa zur gleichen Zeit die gesamte Verglasung von Hildegard Bienen (1925-1990) aus Walsum ausgeführt wurde. Diese Kirche in Birten trägt ebenfalls den Namen St. Viktor, was zu zahlreichen Verwechselungen führte – die Person ist ein vor Ort populärer Märtyrer, der der Legende nach zur Thebäischen Legion gehörte und in Xanten wegen seines Glaubens ertränkt wurde (der Name Xanten/ad sanctos verweist noch auf dieses Ereignis).
Bienen hatte zu diesem Zeitpunkt das Thema Himmlisches Jerusalem bereits in Recklinghausen, Bottrop und in Gelsenkirchen, dort eher abstrakt-expressiv. Für Birten brachte sie neue Akzente ein, wegweisend für ihr künftiges Schaffen: Ihre Glasmalereien sind weicher, der figürliche Anteil höher. Zunächst begann Bienen über das Jahr 1967 hinweg mit den Seitenschiff-Fenstern. Die drei Chorfenster folgten ein Jahr darauf im April. Bienen fand hier neogotisches Maßwerk vor, das die Kriegszerstörungen im März 1945 überlebt hatte und erhalten werden sollte, aber die Struktur maßgeblich vorgab.


Bienen löste die Herausforderung, indem sie im größeren Hauptfenster unten die Kreuzigung mit Maria und Johannes zeigt. Auf Höhe der Johannesfigur ist das Fenster übrigens datiert und es findet sich die Signatur „V. L.“. Es handelt sich dabei nicht um die Glasmanufaktur (dies war hier die Firma Otto Peters aus Paderborn), sondern um den Stifter oder die Stifterin der Arbeit.

Weiter oben erscheint Christus ein weiteres Mal, diesmal in Form des Lammes auf dem versiegelten Buch, von dem aus das Wasser des Lebens nach unten strömt. Umgeben ist das Lamm von jeweils neun Personen zu beiden Seiten, die man als Märtyrer, Adoranten oder/und Heilige deuten kann – die Zahl der 24 Ältesten wie auch der zwölf Apostel wird hier allerdings vermieden. Einheitlichkeit über die drei Fenster hinweg wird dadurch erzeugt, dass alle Figuren weiße Kleider tragen.

In einer letzten Zone über diesen Personen hat Bienen Tore und Bauten des Neuen Jerusalem eingefügt, einheitlich mit gelben (Gold andeutend) und blaugrünen Glasscheiben. Die zwölf Tore wurden in die beiden schmaleren Seitenfenster gesetzt, wohingegen in die Fischblasen des Mittelfensters Häusergruppen in gelben und weißen Scheiben eingefügt wurden.
Xanten (Birten) St. Viktor, in: Das Bistum Münster 3: Die Pfarrgemeinden, Münster 1993, S. 683-684.
Willi Theußen, Theo Zumkley: 100 Jahre St. Viktor Birten. Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Kirche St. Viktor in Birten. Beiträge zur Erforschung der wechselvollen Geschichte der Birtener Kirchen, der Errichtung der Kirche auf dem Lau’schen Hügel und zur Entwicklung der Pfarrgemeinde bis heute, Birten 2005.



