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Bei Illustrationen aus dem Umkreis kleinerer Glaubensgemeinschaften ist es mitunter schwierig, die Künstler der betreffenden Illustrationen ausfindig zu machen. Einerseits gab es, anders als bei Auktionskatalogen oder Buchcovern, keine Tradition der Namensnennung, und dann haben die Redaktionen der Zeitschriften und Verlage oftmals nicht das geschulte Personal, etwas Recherche zu einem Künstler oder einer Künstlerin zu betreiben, vielleicht auch nicht immer die notwendige Zeit und/oder Motivation – in erster Linie steht die Rettung von Seelen im Fokus, Fragen zur Kunst sind zweitrangig und haben sich dem ersten Ziel unterzuordnen.
Umso mehr freute es mich, zumindest einmal das Werk eines Künstlers vorzustellen, dessen Religionsgemeinschaft bislang kaum einmal mit Darstellungen des Himmlischen Jerusalem hervorgetreten war: Del Parson von den Mormonen, also die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, wie ihre größte Gruppierung offiziell heißt.
Delwin Oliver „Del“ Parson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Maler, der für seine Gemälde und Zeichnungen mit Motiven der Heiligen der Letzten Tage bekannt ist, überkonfessionell wahrgenommen, auch Dank Verbreitung im Internet, wurde sein Bild „Christus im roten Gewand“ (1983). Die Kunst war ihm in die Wiege gelegt: Parson wurde in Ogden (Utah) geboren und wuchs in Rexburg (Idaho) auf, wo sein Vater Kunstprofessor am Ricks College war. Auch zwei seiner Brüder wurden professionelle Künstler.
Parson besuchte zunächst das Ricks College und später die Brigham Young University der Mormonen, wo er 1975 einen Master of Fine Arts in Zeichnen und Malerei erhielt. Anschließend arbeitete er als Galerie- und Porträtkünstler, bis es zu einem schweren Schicksalsschlag kam: 1978 kamen zwei Mitglieder seiner Familie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Dieses war ein weiterer Grund, dass sich Parson auf religiöse Bildwerke konzentrierte, zum eigenen Trost, aber auch zur Erbauung anderer. In dieser Zeit, 1982, entstand in traditioneller, figürlicher Malweise „City of Zion“ oder „City of Jerusalem“: Der alttestamentarische Prophet Henoch und die Menschen aus der Stadt Zion werden entrückt und schweben bereits in den Wolken. Eine Gruppe von Menschen hebt ehrfurchtsvoll die Hände, darunter die Hauptperson, der Prophet Henoch. Hinter den Personen erscheint eine Stadt, von der ein großes Tor mit einer Kuppel einlädt. Es ist nicht ganz klar, ob die Gruppe noch vor einer irdischen Stadt steht, oder bereits in das Himmlische Jerusalem eingetreten ist– solche mehrdeutige Sichtweisen sind ein Qualitätsmerkmal guter Malerei. Für eine irdische Stadt spricht die Art der Darstellung und das Fehlen von Edelsteinen, Gold, Perlen etc. Für eine himmlische Stadt sprechen die Sterne neben der Stadt und die Tatsache, dass die Szene die Entrückung Henochs ohne Tod und Gericht direkt in das Paradies oder Neue Jerusalem zum Thema hat.
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