Julien-Léopold Lobin (1814-1864), Lucien-Léopold Lobin (1837-1892): Fenster aus Sainte Marie-Madeleine in Montargis (1863)

Der Name Duchesne Rabier (auch Duchesne-Rabier) ist untrennbar mit einer historischen Wohltäterin in der französischen Stadt Montargis (Département Loiret, Region Centre-Val de Loire) verbunden. Madame Duchesne-Rabier hinterließ der Stadt Montargis im 19. Jahrhundert eine Summe von 40.000 Francs, damals ein Millonenvermögen. Mit den Zinsen dieses Kapitals sollte unter anderem eine jährliche Prämie finanziert werden, um die fleißigste junge Arbeiterin der Stadt auszuzeichnen. Ein anderer Teil ihres Vermögens floss in Renovierungen und Neuanschaffungen der römisch-katholischen Kirche Sainte Marie-Madeleine in der Altstadt von Montargis. So wurde 1863 eine Neuverglasung der ersten Kapelle des Chorumgangs (rechte Seite) dieser Kirche möglich.

Dargestellt ist unten ein eher seltenes Thema: Sankt Fiacre (um 590 – 670), ein irischer Mönch und Einsiedler, der im 7. Jahrhundert nach Gallien, das heutige Frankreich, ging. Er gilt als der Schutzpatron der Gärtner, Floristen und auch Taxifahrer. Die Szene zeigt den Heiligen, wie er von Chlodwig II. bedrängt wird, die Königskrone anzunehmen. Fiacre lehnte ab und war dankbar für einen entstellenden Aussatz, der ihn zum Königsamt ungeeignet machte. Darstellungen dieser Szene auf Glas findet man vor allem in Frankreich, seltener noch in Belgien und Irland.

In Montargis ist die Szene professionell gestaltet worden, wie es nur ein erfahrener Meister leisten konnte. Gleichwohl ist der Künstler namentlich noch nicht bekannt, solide Fachliteratur zu dem Bau gibt es leider (noch) nicht. Ich vermute, dass der Nachlass der Familie Rabier dazu Auskunft geben könnte, hatte aber aus Zeitgründen noch keine Gelegenheit zur Einsicht. Auch wenn das Fenster nicht signiert ist, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Arbeit aus der Werkstatt der Glasmalerfamilie Lobin aus Tours. Das zeigt ein Vergleich mit den angrenzenden Fenstern, die von Julien-Léopold Lobin (1814-1864) gemeinsam mit seinem Sohn Lucien-Léopold Lobin (1837-1892) zwischen 1859 und 1873 geschaffen wurden.
Für das hiesige Thema relevant ist vornehmlich der obere Abschluss dieses Fensters. Dort wurde die Himmelspforte eingesetzt. Das Motiv hat eigentlich keinen expliziten Bezug zu der unteren Szene, zumal Fiacre auch nicht als Märtyrer verstarb, sondern als Gärtner einen friedlichen Tod fand. Gleichwohl hatte das Thema Himmelspforte um 1860 in Frankreich Konjunktur, siehe auch Saint-Andre de l’Europe in Paris, die Kathedrale Saint-Louis in Blois oder Saint-Jean-Baptiste in Nemours: Überall erscheint die Himmelspforte als mächtiger Triumphbogen mit mehr oder weniger klassizistischen Stilanklängen. Wie eigentlich immer, steht auch in Montargis die Pforte oder der Bogen weit offen. Oben ist das Bauwerk mit einem lateinischen Kreuz christianisiert, im Hintergrund lassen sich eine Flusslandschaft mit Besiedlung erkennen. Ungewöhnlich ist das monumentale Fundament, auf dem der Baukörper ruht, und eine leider nicht mehr eindeutig entzifferbare lateinische Inschrift auf dem Bogen des Architravs.

 

 

tags: Loire, Triumphbogen, Sage, Klassizismus
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