Die Vorstellung, dass im Himmlischen Jerusalem zusammen mit Christus ein ewiges Abendmahl gefeiert werde würde, ist alt. Man findet diese Vorstellung bereits auf frühmittelalterlichen Arbeiten (etwa aus Burgund), auch zahlreiche Ikonen zeigen diese Thematik. Sie löst auch das Problem, was die Menschen im Neuen Jerusalem in der Ewigkeit eigentlich machen sollten. Von daher läge es eigentlich nahe, auch auf dem Abendmahlsbesteck, also Kelch (Vasa Sacra) und Patene, das Neue Jerusalem darzustellen – denn es führt ja der Genuss des Abendmahls nach christlicher Lehre zur Gemeinschaft mit Christus und den Heiligen. Dennoch ist das Bildmotiv über Jahrtausende, soweit bekannt, aus unbekannten Gründen nicht im Zusammenhang mit dem Abendmahlsbesteck aufgegriffen worden.
Dass es überzeugend umgesetzt werden kann, belegt einzig und allein eine Patene aus der Wallfahrtskapelle Unserer Lieben Frau beim Osterbrünnl in Ruhmannsfelden, einem Ort im Teisnachtal des Bayerischen Waldes (Niederbayern). Dort finden hin und wieder Messen im Rahmen von Wallfahrten statt, bei denen dann das Abendmahlbesteck zum Einsatz kommt.

Die Patene aus vergoldetem 925er Silber ist von der Form her ein gewöhnlicher Teller, der zur Darbietung der Hostien dient, meist in Form von Oblaten (daher auch Hostienschale genannt). Dieses Exemplar mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern zeigt in der Mitte ein Lamm mit sieben Hörnern, umgeben von sieben Sternen. Es steht auf einer kleinen Erhöhung, die den Zionsberg andeutet. Auf dem umlaufenden Tellerrand wurden zwölf Stadttore graviert, schmale Bögen mit Zinnen. Zwischen die Tore sind Abteilungen der Stadtmauer eingefügt, als eine Art Schmuckbordüre mit vier Zacken, Sternen und Kreisen darunter bzw. darüber.

Die Patene wurde von Pfarrer Helmut Meier in Auftrag gegeben und, zusammen mit dem Kelch, im Jahr 1997 angefertigt. Unter Meier konnte die Kapelle Anfang der 1990er Jahre umfassend saniert werden. Der Pfarrer war künstlerisch interessiert, insbesondere an Ikonen der Ostkirche, wo, wie erwähnt, die Darstellung des ewigen Abendmahls vielleicht am ausgeprägtesten ist. Die prägnante Form des Lammes kann bei der Zuweisung des Künstlers oder der Künstlerin helfen. Die sichere Durchgestaltung zeigt an, dass es sich um einen versierten Künstler gehandelt haben muss, der diesen an sich schwierigen Gegenstand nicht zum ersten Mal ausführte. In Frage käme Franz Nagel , der aber zum betreffenden Zeitpunkt bereits verstorben war, dann auch Emil Wachter oder Alfred Heller, die aber das Lamm mehr expressiv darstellten. Vermutlich ist es eine späte Arbeit von Helmut Münch (1926-2008), der zwar seinen Schwerpunkt auf Glasmalereien und Liturgica in evangelischen Kirchen gelegt hatte, aber durchaus auch für katholische Gemeinden arbeitete.
Schwierige Entstehung. Die Osterbrünnl-Kapelle bei Ruhmannsfelden, in: Katholische Sonntags-Zeitung, 85, 32 (13./14. August 2016), S. V.
Sanita Smuidrina-Keil, Matthias Keil: Die Wallfahrtskapelle Osterbrünnl, o.O. um 2025.



