Der fränkische Raum wartet mit einer beträchtlichen Anzahl von hochwertigen Paramenten auf, vor allem gilt dies für die evangelischen Kirchen. St. Nikolaus in Marktleuthen (Oberfranken, Fichtelgebirge) ist ein Beispiel dafür. Hier war es in den 1990er Jahren Tradition, dass die Konfirmanden-Jahrgänge die Paramente spendeten. Kleinere Paramente konnten von einem Jahrgang finanziert werden. Bei größeren komplexeren Werken legten mehrere Jahrgänge zusammen, wie bei dem roten Parament, welches die Jahrgänge 1991 und 1992 gemeinsam finanzierten.

Obwohl es noch nicht so lange zurückliegt, ist sind der Künstler oder die Künstlerin nicht mehr bekannt. Erwiesen ist nur, dass dieses Parament aus der gleichen Werkstatt stammen soll wie das ältere rote Altarparament aus der Friedenskirche zu Hemau, wo allerdings ebenfalls die Herkunft nicht abschließend geklärt ist. Mitunter muss man auch davon ausgehen, dass die ausführenden Kräfte bewusste nicht genannt werden wollten. Nach Motivik und Art der Durchführung darf man aber davon ausgehen, dass es eine gut ausgebildete Fachkraft gewesen sein muss, die solche Arbeiten hier nicht zum erstem Mal anfertigte.
Die Herausforderung in Marktleuthen bestand darin, eine zu der historischen Kirche passendes Werk zu finden. Hier fügt sich die apokalyptische Motivik geradezu perfekt in das Alpha und Omega des Altares ein, auch die schwungvollen Formen des Frührenaissance-Altars sind in dem Werk aufgenommen.

Alles Wesentliche findet sich in einem Kreis, der mit einer dünnen weißen Linie den Architekturbereich vom roten Hintergrund abgrenzt. Nach unten wuchten fünf graue Füße in den Untergrund – das Fundament der Stadt. Darüber erheben sich Stadtmauern, eine Kirche (links), Reihenhäuser (rechts) und ein zentraler Turm, der mit einem lateinischen Kreuz erneut als Kirche markiert ist.

Da das Neue Jerusalem eigentlich, folgt man dem Wortlaut der Johannesoffenbarung, keinen Tempel oder Kirche haben soll, werden auf solchen Darstellungen meist nur Türme, Stadtmauern oder Wohnbauten gezeigt – dass hier gleich zwei Kirchen zu finden sind, ist für ein Parament selten.
An zwei Stellen ist das Parament beschriftet. Oben steht „Jerusalem“, da man vermutlich nicht darauf vertraute, dass die künstlerische Darstellung alleine genügt, die Stadt sofort als Jerusalem zu identifizieren. Unten, am Fundament, ist die Zeile „Lasset uns ins Haus des Herrn gehen“ – wieder eine Betonung des Kirchenbaus, der mitunter als „Haus des Herrn“ bezeichnet wird, da „Kirche“ sich vom griechischen kyriakón (dem Herrn gehörig) ableitet.
Die evang. luth. St.-Nikolaus-Kirche in Marktleuthen, hrsg. vom evang.-luth. Pfarramt Marktleuthen, Marktleuthen 1988.
Katrin Link, Rüdiger Scholz, Cynthia Thomas-Lauterbach: Künstlerische und liturgische Ausstattung Marktleuthen, St. Nikolaus, Dekanatsbezirk Selb. Erfassung des kirchlichen Kunstgutes im Auftrag des evang.-luth. Landeskirchenamtes, München (2019).
Günter Dippold, Klaus Raschzok: ‚Markgrafenkirchen‘. Interdisziplinäre Perspektiven auf die protestantischen Sakraklbauten des Fürstentums Brandenburg-Bayreuth, Bayreuth 2022.



