Die spätmittelalterliche Kirche St. Martin prägt auch noch heute die Altstadt der flämischen Stadt Kortrijk (Provinz Westflandern). 1862 hatte ein schwerer Brand große Teile der Inneneinrichtung vernichtet, vor allem die Glasfenster schmolzen ein oder gingen bei Löschversuchen zu Bruch. Der Chorbereich war von der Feuersbrunst besonders betroffen. Beim Wiederaufbau orientierte man sich nicht am gewachsenen Bestand der vorangegangenen Jahrhunderte, sondern wählte für die Fenster an der linken Seite, wo sich eine Marienkapelle befindet, folgerichtig an dieser Seite Motive aus der Lauretanischen Litanei, wie die mystische Rose, den Turm Davids oder die Pforte des Himmels. Die Symbole findet man alle im oberen Bereich der zweibahnigen Fenster in einem eigenem, separaten Vierpass. In den unteren Bahnen werden bei dem Fenster zur Himmelspforte Motive zusammengefügt, die etwas wahllos erscheinen: der zwölfjährige Jesus im Tempel, darüber die Hochzeit zu Kanaan, darüber ein prächtiger Thron, über den zwei Engel die Harfen erklingen lassen.

Das Motiv darüber ist eindeutig von einem anderen Künstler gestaltet, aber zur gleichen Zeit, etwa um 1870, entstanden. Wie so oft, hilft auch hier die Schriftgestaltung der „Porta Coeli“ bei einer zeitlichen Einordnung. Das eigentliche Bildmotiv ist in einem roten Tondo gesetzt, umgeben von blauem Weinreben.
Die Mariensymbole sind kein eigentlich mittelalterliches Motiv, sondern erlebten ihre Blüte in Frankreich und in Deutschland während der Frühen Neuzeit und in einer Nachblüte während des Historismus. Für Belgien ist es ein besonderer Glücksfall, dass diese Arbeit die vielen Zerstörungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs überlebt hat. Der Künstler ist nicht überliefert, die Anregungen sind über die katholischen Kirchen der südlichen und westlich angrenzenden Regionen nach Kortrijk gekommen. Es muss ein Meister gewesen sein, der dieses Motiv schon mehrfach ausgeführt hat und in höchster Formvollendung, auch handwerklicher Könnerschaft, präsentiert, zu vergleichen nur mit ähnlichen Arbeiten in Saint-Thomas in Excideuil, St. Joseph in Illingen-Uchtelfangen oder St. Marien in Sulzbach-Hühnerfeld.
Die Pforte aus Kortrijk besticht durch Details wie die goldenen Dachschindeln, das schmiedeeiserne Beschlagwerk der geschlossenen Doppeltür oder dem abwechslungsreichen Mauerwerk. Selbst mehrere Blumen und sogar einzelne Grashalme auf der Wiese vor der Pforte (die eigentlich hinter der Pforte ansetzen müsste) lassen sich unterscheiden.
Jahrzehnte später wurde dieser historistischen Pforte von Maurice Hizette eine damals moderne Himmelspforte auf der rechten Seite direkt gegenüber gestellt. Seitdem ist dieser Kirchenbau einer der ganz wenigen, der zwei gläserne Himmelspforten besitzt.
Ernest Warlop: Sint-Maartenskerk te Kortrijk, Brüssel 1971.
Paul Thurman: De St.-Maartenskerk van Kortrijk 1988.
Greet Verschatse, Kattoo Hillewaere, David Barbe: Sankt Martin Kirche Kortrijk. Eine reiche Geschichte, Kortrijk 2023.



