Vor allem im späten 15. Jahrhundert entstand eine Darstellungsweise des Himmlischen Jerusalem, bei der eine gerundete Stadtmauer sich meist vollständig, oder doch annähernd komplett von links nach rechts zieht. Dadurch wird ein kleinerer Himmelsbereich oben von dem größeren irdischen Bereich unten abgetrennt. Vor allem bei Ausgaben von De Civitate Dei des Augustinus lässt sich das beobachten, etwa bei MS Fr. 18 oder Macon MS 1/MS 2. Diesen typisch spätmittelalterliche Bildaufbau, bei dem vor allem der irdische Bereich zur Darstellung verschiedenster Sünden und Laster genutzt wurde, hat man im frühen 16. Jahrhundert zu einem Kreis perfektioniert.

Zu sehen ist die Außenseite der Stadtmauer vorne mit dem Stadttor, dann noch die Innenseite der Rückseite, während die linke und rechte Mauerseite außerhalb des Bildrandes dazugedacht werden muss und selbst nicht zu sehen ist. Bis auf das Tor ist die Mauer ein bordeauxroter Streifen mit einer vergoldeten Profilleiste oben wie unten. Vor allem das Tor, bewacht von zwei goldenen Engeln, ist ein Meisterwerk der Frührenaissance. Unten zeigen sich die Türflügel wechselweise mit grünen und blauen Farbfeldern. Darüber sind in einem roten Feld die Marterwerkzeuge der Passion gesetzt – einzigartig für die Darstellungstradition der Himmelspforte. Zum Abschluss wurde der Pforte eine Tafel aufgesetzt, beschrieben mit „Paradisvs“, was auf Ähnlichkeiten zwischen dem alttestamentlichen Paradies und dem neutestamentlichen Jerusalem abzielt. Dargestellt ist jedoch nicht Adam und Eva in einem Paradiesgarten, sondern zahlreiche Heilige, die wie in einem mittelalterlichen Hörsaal um Christus als Lehrer angeordnet sind, wobei sie größtenteils so sitzen, dass sie nicht Christus, sondern uns sehen. Das hat folgenden Grund: Viele der Personen lassen sich somit anhand ihrer Bekleidung oder Gegenstände identifizieren, etwa Johannes der Täufer anhand seiner Fellbekleidung, der Drachenkämpfer Georg in Ritterrüstung, die Heilige Lucia von Syrakus mit ihren herausgerissenen Augen (die aber bereits neue Augen bekommen hat), Papst Gregor der Große und viele andere. Christus, davon etwas angesetzt, thront auf dem Regenbogen und ist von einem Heer grüner, roter und blauer Engel umgeben.
Die ungewöhnliche Allerheiligen-Darstellung ist eine Miniatur von Matteo da Milano aus dem Brevier von Herzog Ercole I. D’Este (1431-1505), das 1502 begonnen und 1504 fertiggestellt wurde. Es diente dem Herrscher als persönliches Gebetbuch. Heute befindet es sich in der Biblioteca Estense Universitaria in Modena (Signatur MS. V.G. 11, lat. 424). Allerdings ist der Band nicht vollständig: Im 19. Jahrhundert wurden vier Miniaturen aus diesem Buch herausgeschnitten. 1870 wurden diese vier Seiten zusammen mit anderen Miniaturen von dem Politiker und Bischof Josip Juraj Strossmayer erstanden, sie befinden sich heute im Besitz der nach ihm benannten Galerie Strossmayer in Zagreb. Eine solche Zersplitterung von Kunstwerken und anderen Objekten von Sammlerinteresse ist heute schwer nachzuvollziehen, war aber im 19. Jahrhundert auf den europäischen Kunstmärkten eine relativ gängige Praxis.
Das Brevier gilt, neben dem Stundenbuch, das Herzog Alfons I. d’Este zwischen 1510 und 1512 in Auftrag gab, als Hauptwerk von da Milano, ein Nachfolger von Giotto di Bondone und Duccio di Buoninsegna. Matteo da Milano ist hingegen für einen mehr eklektischer Stil bekannt, der Elemente aus verschiedenen Traditionen kombinierte, darunter die flämische Kunst mit ihren fantastischen Tieren und grotesken Motiven oder die Tradition der Stundenbücher mit ihren kunstvollen Rändern und aufwendigen Initialen.
Werner L. Gundersheimer (Hrsg.): Art and life at the court of Ercole I d’Este. The ‚De triumphis religionis‘ of Giovanni Sabadino degli Arienti, Genève 1972.
Jonathan J. G. Alexander: Matteo da Milano, illuminator: Ferrara and Rome, in: Studies in Italian manuscript illumination, in: Pantheon, 50, 1992, S. 32-45.
Ulrike Bauer-Eberhardt: Matteo da Milano, Giovanni Battista Cavalletto und Martino da Modena – ein Miniatoren-Trio am Hofe der Este in Ferrara, in: Bruckmanns Pantheon, 51, 1993, S. 62-86.
Ljerka Dulibić, Iva Pasini Tržec, Borivoj Popovčak: Strossmayer’s Gallery of Old Masters. Selected works, Zagreb 2013.


