Hermann Wirth (1900-1973): Wandmalerei aus St. Franz-Xaver in Arzell (1948)

Sakralkunst aus den 1930er Jahren ist in Deutschland immer schwerer zu finden, für das Bildmotiv des Neuen Jerusalem gilt das im Besonderen. In der ersten Hälfte der 1930er Jahre verhinderten ökonomische Zwänge die Bautätigkeit, in der zweiten Hälfte politische Erschwernisse. Zusätzlich hat der Krieg und die der Purifizierungswahn der 1960er Jahre viel vernichtet, überlebt haben meist unbedeutendere Arbeiten auf dem Land, wie in Unterrodach, in Schmelz-Michelbach oder in Kellinghusen. Eine Ausnahme hinsichtlich des Umfangs und der Qualität hat sich in Arzell erhalten. Dort findet man auf einem Hügel im Zentrum des Dorfs in der hessischen Röhn eine römisch-katholische Kirche, die 1931 als Oktogon anstelle einer Kapelle neu erbaut wurde. Auch die Innengestaltung hat sich komplett erhalten. An den Wänden sind die Seligpreisungen als Wandmalereien zu finden. Das Motiv des Himmlischen Jerusalem wird bereits an der Decke vorweggenommen, wo unter vier Engeln und einem Trinitätssymbol in Form einer Triquetra (oder Trinity-Knotens) ein Radleuchter mit zwölf Lichtquellen hängt.

In Form eines festungsartigen Fantasiebaus erscheint Jerusalem über dem eingezogenen Chorbereich an der Nordostseite. Unten ist der auferstandene Christus dargestellt, oben eine gewaltige Stadtmauer, über der ein Kuppelbau an den Felsendom erinnert, der damals noch nicht vergoldet gewesen war. Auf der ansonsten ungeschmückten einheitlich grauen Stadtmauer steht geschrieben: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“, eine Zeile aus dem Matthäusevangelium Kap. 11, Vers 29. Darunter ist die Mauer etwas zurückgezogen und führt zu einem einfachen Tor. Die Stadt ist ansonsten unbelebt. Links stehen vor den Mauern Märtyrer mit Palmzweigen, rechts eine Gruppe Heiliger mit brennenden Leuchten als Hinweis auf das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen.

Die Malerei im Stil der Neuen Sachlichkeit hat für die Stadt eine durchaus überraschende Ausdrucksform gefunden, die man anderswo so nicht finden wird. Ausgeführt wurden sie von Hermann Wirth (1900-1973) aus Hünfeld, später Fulda-Niesig. In den 1930er Jahren und in den 1950er Jahren war Wirth in Nordhessen auf dem Gebiet der sakralen Wandmalerei eine Kapazität. Heute ist er vergessen, eine Biographie existiert nicht, aber einige seiner Werke haben sich (noch) erhalten, etwa
in der Marienkapelle am Steinhauck in Rothemann (1937), das große Altarbild in der Mackenzeller Kirche (1950) und das Sgrafitto der Aussegnungshalle in Fulda (1951). Der Gemeinde zu Arzell wurde der Kunstmaler nicht allein durch das Bistum vermittelt, sondern man findet den Namen bereits in den Bauunterlagen aus den 1930er Jahren. Ein erster Entwurf sollte die Apostel sowie die klugen und törichten Jungfrauen allein im Chorbereich zeigen, noch ohne Himmlisches Jerusalem.

Dieser Entwurf ließ sich aus Kostengründen nicht umsetzen, dann verhinderte der Krieg jede weitere Bautätigkeit. Nach dem Krieg gab es erneut Versuche, die Kirche auch im Inneren zu vollenden. Durch eine Spende 1947 konnte der Plan erweitert und auch ausgeführt werden. Dazu präsentierte Wirth einen neuen, zweiten Entwurf, der dann mit Abstrichen umgesetzt wurde und im Chorbereich nun den auferstandenen Christus zeigt, in Bezug auf das Himmlische Jerusalem darüber.

Klaus Hartwig Stoll: Chronik Arzell 2007, 75 Jahre Kirche St. Franziskus-Xaverius, 40 Jahre Pfarrkuratie Arzell, Eiterfeld-Arzell 2007.
Wilhelm Gerk: 1000 Jahre Arzell – gestern und heute. Eine Chronik, Arzell 2025.

 

tags: Neue Sachlichkeit, Röhn, Hessen, Jungfrauen, Märtyrer, Pforte
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