MS 119: Französisches Stundenbuch (um 1550)

In der Mitte des 16. Jahrhundert war das Thema Tota Pulchra, also die Maria Immaculata mit ihren Symbolen der Reinheit nach der Lauretanischen Litanei, längst etabliert. Die großen Stundenbücher waren geschrieben, das Thema findet sich jetzt eher auf Kupferstichen und als Glasmalerei. Dennoch ist um 1550 noch eine letzte Miniatur zu diesem Thema entstanden. Es handelt sich um ein „Oraisons“ auf Französisch und Latein. Ein solches Buch beinhaltet fromme Texte zur privaten Kontemplation oder als Vorlage zum Gebet. MS 119 aus der Stadtbibliothek von Besançon ist dazu mit 18 Miniaturen ausgestattet worden, die den kurzen Text auf 18 Blättern begleiten. Es sind überwiegend Illustrationen zu Heiligen, an die sich die Gebete richten. Der Band gehörte zum Besitz des Adligen Didier Pariset (1512-1588), Kammerdiener des Herzogs Antoine de Lorraine.

Der erste Teil der Handschrift bietet Ausschnitte aus einem Stundenbuch. Bereits die allererste dieser Miniaturen auf fol. 7v zeigt die stehende Maria Immaculata mit zwölf ihrer Symbole. Im Vergleich mit einer nur wenig älteren Arbeit von etwa 1540 zeigt sich, wie radikal mit der Tradition gebrochen wurde: Gottvater im Himmel wurde gestrichen; die beschreibenden Schriftbänder ebenfalls. Die Marienfigur wirkt weniger fromm oder in sich gekehrt, sondern freier: Die Gloriole wurde durch einen dezenten Heiligenschein getauscht, die Hände stehen offener, die Augen nicht niedergeschlagen, sondern direkt auf den Betrachter gerichtet. Am stärksten hat sich die Darstellung der Symbole geändert. Die Formen lösen sich auf und reduzieren sich auf wenige Elemente, was bei der Civitas Dei besonders deutlich wird. Dass diese Ansammlung von horizontalen und vertikalen Balken eine Stadt sein soll, geschweige denn Jerusalem, ist kaum zu ahnen. Zwei Symbole weiter oben scheint sich eine Stadttoranlage mit Seitentürmen zu befinden. Im Vergleich mit der eben erwähnten Miniatur von 1540 wird jedoch deutlich, dass es sich hier um den Turm Davids handelt.
Fachleute, denen ich diese Miniatur zeigte, halten dieses Arbeit mit seiner Tendenz zur spielerischen Auflösung von Form und Farbe so gut wie immer für späten Barock. Meine Theorie ist: Die Symbole waren um 1550 so omnipräsent und häufig zu finden – jeder wusste, was dargestellt ist, so dass eine genaue Nachbildung gar nicht mehr nötig war.

 

tags: Maria Immaculata, Stundenbuch, Frankreich
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