Gury Nikitin (um 1620-1691): Wandmalerei aus der Kirche zum Heiligen Kreuz in Tutajew (1658)
Die Kirche zum Heiligen Kreuz (auch Kreuzerhöhungskathedrale) ist eine von zwei Kathedralen in Tutajew in der Oblast Jaroslawl, einem Zentrum der russischen Ikonenmalerei. Demnach besitzt auch diese Kirche zahlreiche Ikonen im typischen Jaroslawl-Stil, ermöglicht durch das Adelshaus der Romanows, die den Bau dieser Kirche 1658/59 maßgeblich förderten. Die Kirche ist ein Beispiel für den altrussischen Baustil des 17. Jahrhunderts, mit schneeweißer Fassade und traditionellen Zwiebeltürmen. Bereits mit ihrer kubischen Gestalt erinnert das Äußere an das Neue Jerusalem.
Da die Kirche von Jaroslawler Handwerkern erbaut worden ist, vermutet man, dass auch die Freskenmaler aus dieser Stadt stammen. Angeleitet wurden sie von Gury Nikitin (um 1620-1691) aus Kostroma. Nikitin gilt größte Meister der Fresken- und Ikonenmalerei der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Seine Spezialität waren Wandmalereien, von ihm sind auch die Fresken der Eliaskirche in Jaroslawl (1680-1681), die der Dreifaltigkeitskathedrale des Ipatjew-Klosters in Kostroma (1685) und diejenigen in der Verklärungskathedrale des Spaso-Evfimjew-Klosters in Susdal (1689). Unter anderem soll eine seiner Vorlagen die Piscator-Bibel gewesen sein, was aber nicht für das Neue Jerusalem in der Tutajew gilt. Die Malereien sollen unmittelbar nach Fertigstellung des Außenbaus angebracht worden sein, also in den 1660er Jahren, zu einer Zeit, als Nikitin auch auf Ikonen dieses Thema öfters wählte. Die Fresken in Tutajew sind übrigens die ersten nachgewiesenen Wandmalereien dieses Meisters.
Neben alttestamentarischen Propheten, Wundergeschichten aus dem Leben Jesu und seiner Passion ist die Apokalypse ein Thema der Malereien, vornehmlich auf der Westwand. Neben den in der Offenbarung berichteten Zerstörungen und dem Drachen wird auch das Positive gezeigt: Hinter einer unversehrten Stadt erscheint zwischen Wolken eine Himmelspforte mit Renaissance-Anklängen. Im Gebälk erscheint ein Dreiecksgiebel mit einem floralen Ornament, darüber ist eine grüne Kuppel gesetzt. Auffällig ist die türkisfarbene Rahmung des Zugangs. Man kann nichts vom Inneren der Stadt erkennen, offensichtlich ist die Pforte geschlossen. Sie wird hier nicht von einem Engel vermessen, sondern einem Heiligen in Anlehnung an die Vermessung des Tempel Salomons.
E. D. Dobrovolskaya, B. V. Gnedovsky: Yaroslavl. Tutaev, Moskau 1981.
V. G. Brjusova: Gurij Nikitin, Moskau 1982.


