Diese Aquarellmalerei mit Graphitstift auf Karton steht in der Tradition der russischen Ikonenmalerei, sowohl thematisch als auch von der Ausführung her. Thema ist nicht, wie des öfteren zu lesen, die Himmelfahrt Christi, sondern seine zweite Wiederkehr als Richter. Er sitzt dazu auf einem goldenen Thron, von Maria, Johannes dem Täufer und Engeln begleitet. Über ihm scheinen zwei Engel als Atlanten eine Art Baldachin in die Höhe zu stemmen; es sind Allegorien für die törichten und die klugen Jungfrauen. Der Baldachin im Kontext des Neuen Jerusalem ist in der orthodoxen Sakralkunst ein Thema mit langer Vergangenheit, man findet es bereits auf Ikonen des 15. Jahrhunderts (Moskauer Weltgerichtsikone). Hier besteht der Baldachin nicht aus Stoff, sondern aus einer Vedute eines Dutzend weißlicher Bauten, darunter auch Kirchen. Wie unten die Personengruppe das Neue Jerusalem repräsentiert, zeigen die Bauwerke oben das Himmlische Jerusalem in seiner Architektur an.

Stilistisch ist es keine traditionelle Ikone, sondern das Bildmotiv wurde von Mikhail Vasilevich Nesterov (1862-1942), einem der großen russischen Maler, der eine Verbindung von der Zarenzeit in die Sowjetzeit darstellt, neu geschaffen. Nesterovs prophetisch Gemälde „In Russland. Die Seele des Volkes“ von 1916 ist in Russland eines der bekanntesten Werke aus dem 20. Jahrhundert.
Sakrale Kunst war ein wichtiges Standbein von Nesterov vor allem vor der Revolution. Damals war er ein Vertreter des Symbolismus und des Jugendstils, der auch dieses Gemälde beeinflusste, ähnlich wie die Werke seines Kollegen Nicholas Roerich. „Der Erlöser auf dem Thron“ ist heute Teil der Sammlung des Staatsmuseums von St. Petersburg. Bei dem Werk handelte es sich um eine 67 x 46 Zentimeter große Skizze für Fresken und Gemälde der Akhali-Zarzma-Kirche des Heiligen Alexander Newski in Abastumani (Georgien).
Alexei Iwanowitsch Michailow, М. В. Nesterov: Жизнь и творчество, Советский художник 1958.
Alla Alexandrovna Rusakova: Mikhail Vasil’evich Nesterov 1862-1942. K stoletiiu so dnia rozhdeniia, Leningrad, um 1964.


