Marko Ivan Rupnik (geb. 1954): Mosaikgestaltung in der Kapelle Redemptoris Mater (1996)
Es ist erstaunlich: Viele Jahrhunderte, ja fast zwei Jahrtausende, kam der Vatikan ohne repräsentative Darstellungen des Himmlischen Jerusalem aus. Gleiches gilt übrigens auch für die Exilzeit der römisch-katholischen Kirche in Avignon, wo bei der reichhaltigen Ausschmückung des dortigen Papstpalastes das Neue Jerusalem offensichtlich kein Thema war. Erst mit dem Mosaik in der päpstlichen Kapelle Redemptoris Mater im zweiten Stock des Papstpalastes in der Vatikanstadt änderte sich dies. Diese Kapelle gehört zum nichtöffentlichen Bereich des Palastes; nur ausgewählte Gäste dürfen ihn betreten. Der Name Redemptoris Mater (dt. „Die Mutter des Erlösers“) bezieht sich auf die sechste Enzyklika „Redemptoris Mater“ des Papstes Johannes Paul II. aus dem Jahre 1987.
Konkreter Anlass zum Bau war das fünfzigjährige Priesterjubiläum dieses Papstes 1996. Unter den vielen modernen Darstellungsweisen des Himmlischen Jerusalem gerade in der römisch-katholischen Kirche hat sich Johannes Paul II. für eine traditionelle, konservative Formensprache entschieden.

Auf den ersten Blick wird dem Betrachter ein antikes Mosaik des Frühchristentums vorgetäuscht. Mit dieser traditionellen Gestaltung sollte versucht werden, alle Gläubigen der Weltkirche zu erreichen, und nicht nur eine Minderheit westeuropäischer Intellektueller. So sieht man auf der zentralen Ostwand hinter dem Altar eine Stadtmauer mit zwölf blockartigen Türmen, von denen vier mit den apokalyptischen Wesen besetzt sind. An der Unterseite der Mauer, dem Fundament, läuft ein Fries von Edelsteinen entlang. Oben ist die Mauer an einer Stelle unterbrochen, wo drei Engel Abendmahl feiern. In der Stadt sind nun nicht etwa Häuser zu sehen, sondern Gruppen von Heiligen, stets drei, die ebenfalls Abendmahl feiern. Diese Konzeption des „Ewigen Abendmahls“ ist vor allem in der Ostkirche auf Fresken, Ikonen und Miniaturen vorzufinden, populäre Beispiele sind das Jüngste Gericht aus Jaroslawl (um 1550), die erste Moskauer Apokalypsehandschrift (1580) oder die Ikonentafeln aus Nowgorod und Solwytschegodsk.
Die Planung und Verwirklichung des Kapellenmosaiks für die Papstkapelle wurde dem Zentrum „Ezio Aletti“ des Päpstlichen Orientalischen Instituts aufgetragen. Daran beteiligt war Pater Marko Ivan Rupnik (geb. 1954) und seine Mitarbeiter unter der Leitung von Pater Thomas Spidlik. Für beide war es ein großer Erfolg, was damals in Zeitungen und Fachjournalen überaus positiv aufgenommen wurde. Für Rupnik war es der Einstieg in eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Kirche. Das Motiv sollte er noch öfters in Form von Mosaiken aufnehmen, etwa in S. Maria delle Neve e S. Rocco (Marina di Montemarciano), in Sainte Geneviève et Saint-Maurice (Nanterre) oder im Sanktuarium Johannes Paul II. (Krakau).
Marko Ivan Rupnik: Corpo, vestito e rito nella cappella ‚Redemptoris Mater’, in: Rivista Liturgica, 89, 1, 2002, S. 114-118.
Jesús Castellano: Arte y espiritualidad en la liturgia: La capilla ‚Redemptoris Mater’ del Vaticano, in: Phase, 43, 254, 2003, S. 135-152.
Simona Sarah Lábadyová: I segreti della ‚nuova Sistina’ del Vaticano: La cappella Redemptoris Mater, Venezia 2009.



