Der Lauretanischen Litanei in der Fassung von Thielman Kerver war ein großer Erfolg beschieden; von den zahlreichen Kopien werden sich nicht alle erhalten haben. Eine jedenfalls entstand um 1515 und ist heute als MS Richardson 10 Teil der Houghton Library in Cambridge. Ihr Titel ist „Horae beatae Mariae virginis“. Entstanden ist das Stundenbuch in Paris für einen unbekannten Adeligen (zu sehen ist dieser als Betender auf fol. 85). Später war der Band im Besitz der Königin Katharina von Medici. Von den siebzehn ganzseitigen Miniaturen des Werkes ist es eine auf fol. 44v, welches die Mariensymbole angeordnet um die stehende Marienfigur zeigt. Es ist eine feine Malerei in weißgrauen und hellblauen Pastelltönen, wie es auch MS Latin 1391 und verschiedene Fassungen von Gillet Hardouyn charakterisiert. Die Malerei steht in einem Kontrast zu dem schweren Rahmen samt dem Gebälk mit den zwei Bogenschützen in den Zwickeln – eine hervorragende Gestaltung der Frührenaissance wie auch bei MS Latin 10563 oder MS Latin 1175.

Wie bei den Fassungen der ersten Generation üblich sind die Porta Coeli und die Civitas Dei oben links bzw. unten rechts zu finden. Selbstverständlich für das 16. Jahrhundert sind sie mit einem lateinischsprachigen Schriftband ausgestattet. Damals war die Bildkonzeption neu und ungewohnt. Die Beschriftung half also, die eigenartigen Objekte (wie etwa einem umzäunten Garten = Hortus Conclusus; eine Scheibe, die wie ein Schild aussieht = Marienspiegel) zu identifizieren und erklären zu können.
Der unbekannte Illustrator zeichnet sich durch eine miniaturistischen Tendenz aus: Die Türme der Gottesstadt, der Himmelspforte wie auch des Davidturms sind mit kleinen Fensterchen, mit geschwungenen Profilleisten und Zwischengeschossen sowie Wetterfahnen ausgestattet. Der freie Hintergrund wurde mit goldenen Sternen dekoriert; aus der Marienfigur heraus werden die Symbole jetzt golden bestrahlt.


