Die spätmittelalterliche Handschrift MS 55 beinhaltet eine altfranzösische Ausgabe von „La Cité de Dieu“ von Augustinus von Hippo (354-430), übersetzt von Raoul de Preles (1316-1382). Die wird heute in der Bibliotheque Municipale in Boulogne-sur-Mer aufbewahrt. Entstanden ist diese König Karl V. gewidmete Handschrift allerdings erst kurz nach dem Tod des Übersetzers zu Beginn des 15. Jahrhunderts.
Der unbekannt gebliebene Illustrator hat auf fol. 3 des zweiten Bandes die heilige Stadt Gottes der Stadt der Laster gegenüber gestellt. Nach Augustinus beinhaltet der Gottesstaat Merkmale des Himmlischen Jerusalem, während die Stadt der Laster der Hölle ähnelt. Soweit bekannt, ist es die erstmalige Gegenüberstellung von Rettung und Verdammnis im Kontext des Kirchenvaters. Einige Jahre später sollte dieser Bildaufbau als Holzschnitt einen großen Erfolg feiern, erschienen erstmals 1489/90 bei Johann (von) Amerbach (um 1444-1513) in Basel. Woher der Schweizer die mittelalterliche Miniatur kannte, wissen wir nicht, vielleicht gab es eine Kopie oder eine weitere Fassung, die sich nicht erhalten hat. Bekannt ist aber, dass Amerbach an der Pariser Sorbonne studiert hatte, 1461 dort den akademischen Grad eines Baccalaureus und 1462 den eines Magister artium liberalium erwarb. Lektüre frommer Handschriften war damals integraler Bestandteil eines Studiums, Amerbach könnte durchaus mittelalterliche Ausgaben der Civitate Dei in den Händen gehalten haben.

Das Original zeigt Jerusalem durchaus realistisch als zeitgenössische mitteleuropäische Stadt mit weißen Mauern und roten Dachschindeln. Unten durchbricht ein Tor die Stadtmauern. Es steht offen, geschickt lenken die Pflastersteine den Blick nach innen. Auch dort ist übrigens der Boden gepflastert – im Mittelalter eine teure Maßnahme, die sich nur reiche Handelsstädte leisten konnten. Auf der Pflasterung steht der Heilige Augustinus. Er ist in ein Buch vertieft, selbstverständlich nicht sein eigenes, sondern die Bibel. Auf dem Original ist es sogar möglich, einzelne Verse zu identifizieren. Neben Augustinus findet sich ein weiterer Geretteter, über ihnen schweben mehrere Engel. Rechts oben hebt sich von den Bauten eine spätgotische mehrschiffige Kirche ab. Auch die Bauten, die auf die Stadtmauer gesetzt wurden, erinnern an Kirchen, möglicherweise kleine Kapellen. Bekannte historische Stadttore besaßen damals Kapellen, wie beispielsweise die Pauluskapelle im Stadttor Bab Qaysan in Damaskus, die Kapelle im „Tor der Morgenröte“ von Vilnius oder auch die Trierer Porta Nigra, in die man im 11. Jahrhundert eine Unterkapelle eingebaut hatte.
Von der Stadt ausgeschlossen ist ein Hirte mit Schweinen als Gegenfigur zu Christus mit den Lämmern. Es ist Kain, der als erster Mensch eine Stadt gegründet haben soll (Genesis Kap. 4, Vers 17). In der Stadt vor ihm sieht es nicht gut aus: Die Türme verfallen, die Stadtmauern brechen auf und geben die Sicht frei auf allerlei Dämonen, die hier ihr Unwesen treiben und eine weiß gekleideten Menschen sogar foltern.
Nathalie Rousseau-Doutriaux: La cité de Dieu, le tome I du Ms 55 de Boulogne-sur-Mer. La redécouverte d’un manuscrit, Lille 1996.



