Wolf-Dieter Kohler (1928-1985): Glaskunstwerk an der Brettacher Leichenhalle (1969)

Die evangelische Kirche von Brettach besitzt bereits eine Malerei des Neuen Jerusalem von 1681 und ein Glasfenster mit diesem Motiv, die knapp dreihundert Jahre später entstand, 1963. In unmittelbarer Nähe der Kirche, an der Außenseite der angrenzenden Leichenhalle, wurde dieses Motiv ein weiteres Mal aufgenommen. Dort schmückt es den offenen Vorraum der Leichenhalle und ist von außen direkt zugänglich. Diese Halle wurde im Jahr 1969 errichtet, und es ist anzunehmen, dass damit auch dieses Kunstwerk vor Ort eingebaut wurde. Die Arbeit selbst ist nicht signiert oder datiert.
Zu sehen sind zwölf rechteckige Böcke, die sich teilweise überlappen und eine geschlossene Mitte umfangen. Dieser mittige Raum ist nicht, wie anderswo, mit Christus oder dem Lamm besetzt, sondern bleibt frei. Die Blöcke ergeben die ovale Form einer Mandorla. Das ist einerseits der Form des Werkes geschuldet, andererseits ein Verweis auf die Präsenz Christi und Heiligkeit der Stadt. Auch stehen die Blöcke für die zwölf Tore, man erkennt deutlich an drei Seiten eine goldgelbe Rahmung. In der Füllung ist jedes Tor mit einem rötlichen oder grünen Kreis besetzt, die die Edelsteine markieren. Kraftvoll und expressiv ziehen sich vertikale Linien über das gesamte Kunstwerk, die an das göttliche Licht erinnern. An der linken Seite sind sie überwiegend goldfarben, an der rechten blau. Dies ist ein versteckter Hinweis auf die Sonne (links) und den Mond (rechts), was auf mittelalterlichen Werken manchmal mit der Gottesstadt in Verbindung gebracht wird (oftmals auf Ikonen). Hier kommt das Licht jedoch nicht aus der Stadt, sondern der Ursprung liegt außerhalb des Kunstwerkes und ist ebenfalls nicht dargestellt.
Das Fenster der oben erwähnten Kirche von Brettach aus dem Jahr 1963 ist ein Werk des Glasmalers Adolf Valentin Saile (1905-1994). Dieser hat in der Vergangenheit oft und eng mit seinem Kollegen Wolf-Dieter Kohler (1928-1985) zusammengearbeitet, so beispielsweise in der Stuttgarter Stiftskirche. Über Saile wurde die Gemeinde vermutlich auf Wolf-Dieter Kohler
(1928-1985) aufmerksam. Dieser hat in seinem Schaffen öfters das Neue Jerusalem dargestellt und war in Württemberg so etwas wie ein Spezialist auf diesem Gebiet. Ende der 1960er Jahre war Kohler mit der Fenstergestaltung der evangelischen Johanneskirche in Münchingen beschäftigt, und das dortige Chorfenster hat durchaus Ähnlichkeit mit dem Brettacher Glaskunstwerk. Hergestellt wurde es übrigens von der Manufaktur Siegfried Gaiser aus Stuttgart, mit welcher Kohler schon seit 1950 bei den Fenstern der Heilbronner Nikolaikirche immer wieder zusammenarbeitete.
Das Brettacher Kunstwerk ähnelt optisch Glasbausteinen, eine damals moderne und überaus beliebte Technik. Man findet ähnliches beispielsweise auch in St. Antonius in Herrenberg-Kuppingen.

Evangelische Kirchengemeinde Brettach (Hrsg.): Evangelische Kirche Brettach – Entdeckungen im Jahr des 500. Reformationsjubiläums, Brettach 2017.
Christa Birkenmaier (Hrsg.): Wolf-Dieter Kohler, 1928-1985. Leben und Werk, Petersberg 2021.

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tags: Württemberg, Wolf-Dieter Kohler, Tore, Glasbaustein, Leichenhalle
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