Jerusalems-Darstellungen von Adolf Valentin Saile (1905-1994), ab 1953/54

Der Glaskünstler Adolf Valentin Saile (1905-1994) war in Württemberg eine Institution, zahlreiche Glasarbeiten sind nach 1945 in seiner Stuttgarter Werkstatt geschaffen worden, oft in Zusammenarbeit mit anerkannten Künstlern. Saile war einer der bedeutendster Glasmaler der Nachkriegszeit, der traditionelle Formen mit behutsamer Modernisierung verbinden konnte. Inzwischen wurden von Adolf V. Saile auch mehrere Arbeiten mit Darstellungen des Neuen Jerusalem bekannt:
-Stiftskirche Stuttgart (1953/54),
-Ägidiuskirche in Brettach (1955)
-Veitskirche in Nehren (1962)
-Johanneskirche in Gingen an der Fils (1964)
-Martinskirche in Weil im Schönbuch (1967)

1953/54 wurde die evangelische Stiftskirche Stuttgart mit neuen, hochwertigen Glasfenstern ausgestattet. Man nutzte dazu die gotischen Fensterlaibungen, die den Krieg überstanden hatten. Eine Szene aus der Offenbarung des Johannes (Apok. 14, 22) von Adolf Saile zeigt ein Fenster, bei dem die Erlösung stärker in den Blick kommt. Die beiden Pole des Fensters sind die Zerstörung Babylons unten (hier nicht zu sehen) und das Himmlische Jerusalem in Torform mit Lebensfluss oben.

Reinhard Lambert Auer (Hrsg.): Stiftskirche Stuttgart, Darmstadt 2004.
Martin Klumpp: Stiftskirche Stuttgart, Stuttgart 2006 (2).

 

                Brettach (1955)

Eine seiner weniger bekannten Arbeiten findet man in der evangelischen Ägidiuskirche im schwäbischen Brettach. Anlass zu dem Motiv des Neuen Jerusalem gab mglw. eine Tafel aus der Barockzeit, die in dieser Kirche bereits einmal die himmlische Stadt zeigt. Saile fand jedoch eine ganz neue Formensprache als auf dieser Merian-Kopie: im Zentrum stehen das Kreuz und das Lamm Gottes in einem Tondo, der durch einen schwarzen, vertikalen Balken zweigeteilt ist. Um den roten Tondo ziehen sich zwölf Tore, die alle mit einem farbigen Edelstein geschmückt sind und im oberen Feld den Namen eines jüdischen Stamms tragen. Ihre Tore stehen offen. Zwischen den Toren wurde auf eine Mauerdarstellung verzichtet, auch der Lebensbaum und das Lebenswasser wurden von Saile motivisch nicht aufgenommen.

Evangelische Kirchengemeinden des Bezirks Neuenstadt am Kocher (Hrsg.): Unsere Heimat, die Kirche, Stuttgart 1959.
Evangelische Kirchengemeinde Brettach (Hrsg.): Evangelische Kirche Brettach – Entdeckungen im Jahr des 500. Reformationsjubiläums, Brettach 2017. 

 

                         Nehren (1962)

Erst 1962 nahm Saile wieder das Jerusalemsmotiv auf. Diesmal wurde von dem Künstler die Veitskirche in Nehren mit Glasmalereien ausgestattet. Im oberen gotischen Vierpass wurde mittig das Christuslamm und vier Tore dargestellt, während die restlichen sechs Tore in einem Halbkreis über zwei spätgotische Fenster darunter verteilt sind. Diese Tore sind, über das steinerne Maßwerk hinweg, mit einem Mauerzug verbunden.

Siegfried Fischer (Bearb.): Kirchenführer evangelische Veitskirche Nehren, Nehren 2004.

 

                     Gingen (1964)

Gingen an der Fils ist eine Landgemeinde östlich von Stuttgart. Ihr baulicher Mittelpunkt ist die spätgotische Johanniskirche. 1964 waren umfangreiche Renovierungen notwendig. Der damalige evangelische Pfarrer beauftragte Saile mit der Ausgestaltung der Fenster im Chor der Kirche. Zu sehen ist Christus als Weltenrichter in der mittleren Bahn. An der linken und rechten Seitenbahn wurden die zwölf goldenen Tore dargestellt. Sie sind, bis auf die beiden obersten Tore, von einer weißen Linie, der Stadtmauer, umzogen.

Albert Walzer: Valentin Saile. Hundert Jahre Kunstglaserei und Glasmalerei, Stuttgart 1968.
Gabriele von Trauchburg: Johanneskirche Gingen/Fils, Donzdorf (2015).
Gabriele von Trauchburg: 1100 Jahre: 915-2015, Gemeinde Gingen an der Fils, Gingen an der Fils (2015). 

 

     Weil (1967)

Das letzte bekannte Werk Sailes mit einer Thematisierung des Neuen Jerusalems entstand 1967 in der Martinskirche in Weil im Schönbuch bei Böblingen. Es ist ein Offenbarungs- und zugleich ein österliches Fenster: Die von unten nach oben heller werdenden Farben deuten Erde und Himmel an. Saile hat diesmal eine ganz andere Darstellungsweise ausgearbeitet als zuvor, wo er sich mehr auf die Tore konzentriert hatte. Im Mittelpunkt, in einer Mandorla, steht das Siegeslamm, von dem die Ströme lebendigen Wassers ausgehen, und auch das Blut der Erlösung fließt. Im oberen Sektor des Bildes leuchten die zwölf Perlen als Tore zum Neuen Jerusalem und ziehen sich in einem gelben Band rechteckig um das Lamm, wobei die zwölfte Perle oben aufsitzt.

Ehrenfried Kluckert: Adolf Valentin Saile, in: Schwäbische Heimat, 33, 1982, S. 43-48.

 

tags: Adolf Valentin Saile, Nachkriegskunst, Stuttgart, Württemberg, Schwaben, Chor
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