
Diese Arbeit besitzt die Kirche des Heiligen Märtyrers Clemens in Moskau. Sie schmückt dort einen Hauptpfeiler der Snamensky-Kapelle im Mittelteil der Kirche. Die 150 x 120 Zentimeter große Temperamalerei (spätes 18. Jh.) wurde 2016 von Ekaterina Grabas-Smolentseva umfangreich restauriert, seitdem ist die grün-bräunliche Verschmutzung entfernt, die Ikone hat wieder ihre ursprünglich rot-gelbliche Färbung. Auf der Malerei auf Temperabasis hat man mehrere kompositorische Stilelemente vereint: Die Arkaden, in denen Heilige versammelt sind, kennt man bereits von den ersten erhaltenen Weltgerichtsikonen der Frühen Neuzeit. Die Hereinnahme des Patriarchenkreuzes in eine größere, zentrale Hauptarkade geht auf eine Ikone der Auferstehungskirche/Grabeskirche (um 1600) zurück. Die beiden Himmelspforten im unteren Bereich, mit jeweils einem Engel besetzt, sind dagegen von Ikonen mit der Darstellung der Himmelfahrt Mariens entliehen. Zwischen ihnen ist ein Stück Wand gesetzt, das die Stadtmauer Jerusalems repräsentiert. Sie springt im Zackenstil vor und zurück und besteht aus Steinen, die wie Fliesen aussehen. An der linken Randseite werden Gerettete von Engeln nach oben gebracht, was man von vielen älteren Werken her kennt (Typus Fahrstuhlikone).

Die Ikone der Clemenskirche war populär, das belegt eine 118 x 77 Zentimeter große Zweitfassung, die ebenfalls auf Tempera basiert. Sie stammt aus Moskau gehörte dem Wosnessenski-Kloster, das es an eine angegliederte Gemeindekirche verlieh. Von dort kam die Ikone 1929 oder 1930 in Staatsbesitz und wurde an die Kunstsammlung des Museum für Erziehungswissenschaft der Tamagawa-Universität in Tokio verkauft. Dort entdeckte man eine Inschrift in der unteren rechten Ecke des Gemäldes, die belegt, dass es am 24. Juni 1815 von dem Ikonenmaler Makar Druzhnin in der Wolgastadt Kineshma geschaffen wurde. So wertvoll der Name für die zukünftige Forschung sein mag, so lässt sich doch für heute sagen, dass bislang keine weitere Ikone oder Wandmalerei eines Künstlers dieses Namens (oder ähnlich) aus Kineshma bekannt geworden ist. Bezüglich des Himmlischen Jerusalem ist auch hier die massive Bossequaderung der Mauer charakteristisch – eigentlich ein Stilmittel der Renaissance, welches Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts wieder auflebte. Bezüglich der Türen herrscht Unklarheit. Deutlich stehen drei Figuren vor der Stadtmauer, die von goldenem Licht umgeben sind – es ist aber unmöglich zu sagen, ob es sich um das Gold des Heiligenscheins oder um das durch eine Tür schimmernde Gold der Stadt handelt. Die Figur links ist Petrus, welche die ankommenden Heiligen begrüßt. Weiter in die Stadt gelangen sie mittels der beiden Engel rechts von Petrus – eine Interpretation, die der Stadt zwei Zugangstore zuweist, zumindest an dieser sichtbaren Seite.

Um 2004 wurden dem Museum Catharijneconvent in Utrecht gleichzeitig aus zwei Privatsammlungen etwa vierzig Ikonen übergeben, womit das Museum schlagartig zu einer führenden Ikonensammlung der Niederlande aufrückte – die Restaurierung, Katalogisierung und wissenschaftliche Erforschung der Kunstwerke wird noch Jahrzehnte andauern. Unter den Stücken befindet sich auch ein besonders schönes und klar ausformuliertes Exemplar des Typs Doppeltür. Vorläufig wird von einer Entstehung in Russland im 19. Jahrhundert ausgegangen. Das Himmlische Jerusalem hat einen klar geometrischen Aufbau, bei dem die rechteckige Form dominiert, wie bereits bei der Paradiespforte unten. Die Betonung der Horizontalen und Vertikalen kulminiert in dem mächtigen orthodoxen Kreuz, das die untere Etage (Engel) mit der oberen (Heilige) verbindet. Den Rot- und Goldton, der hier noch von der Firnis beeinträchtigt ist, muss man sich noch strahlender und kräftiger vorstellen.

Der Typus „Doppeltür“ fand bald weitere Verbreitung. Eine ähnliche Weltgerichtsikone der Sammlung Mikhail de Boire (Yelizavetin) stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Entstanden ist sie in der Oblast Vladimir nordöstlich von Moskau. Hier herrscht noch eine grün-bräunliche dunkle Färbung vor, in Folge von Alterung und Umwelteinflüssen.
Natalʹja I. Komaško: Russkie ikony v sobranii Michaila de Buara (Elizavetina): Katalog vystavki, Gosudarstvennyj Muzej-Zapovednik ‚Caricyno‘ (ijunʹ 2008-ijulʹ 2009), Moskva 2009.
.

Ein weiteres Kunstwerk dieser Konzeption stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, etwa von 1875. Es wurde mit Tempera gemalt und ist lediglich 53 x 45 Zentimeter klein. Vermutlich stand es einst auf einem Altar, möglicherweise im privaten Bereich. Links oben ist das Himmlische Jerusalem zu finden: Auf dem Ausschnitt sind auch hier die zwei charakteristischen Himmelspforten zu sehen, die beide für Heilige weit geöffnet sind. Bemerkenswert sind die reichlich ornamentierten Türflügel dieser Pforten, in denen Engel stehen. Einige Heilige sind bereits angekommen und feiern in den unteren der insgesamt acht Arkaden das ewige Abendmahl. Viele russische Ikonen wurden von etwa 1990 bis 2020 zunächst in Englands Auktionshäusern gehandelt. Auch diese Weltgerichtsikone war davon betroffen; sie stand 2018 in London zum Verkauf an.
![]()
Eine überraschende Variante dieses Themas findet man in dieser Ikone mit einem fast quadratischen inneren Bildfeld. Die Malereien sind frisch, Alterungsprozesse lassen sich kaum identifizieren. Das Alter wurde zu verkaufsförderndem Zweck mit „im 19. Jahrhundert entstanden“ angegeben, aber die Ikone ist vermutlich um 2010 angefertigt worden, als ich zum ersten Mal von diesem Kunstwerk über einen Händler darauf aufmerksam gemacht wurde. Es existieren genaue Listen von denjenigen Antiquitäten, die die Sowjetunion und später Russland verlassen durften – schon aus steuerrechtlichen, aber auch kulturpolitischen Gründen – wirklich alte und wertvolle Ikonen werden so gut wie nicht ausgeführt. In keiner dieser Listen konnte ein Nachweis dieser Ikone gefunden werden; vielmehr erscheint sie erst „ex nihilo“ im 21. Jahrhundert. Dabei hatte der Maler (oder Malerin) nur unzureichende Kenntnisse, wie eine Ikone (im 19. Jahrhundert) aufgebaut war. Das lässt sich nicht allein beim Neuen Jerusalem nachweisen, um das es hier geht: Im Mittelfeld entdeckt man zwar modern wirkende Blumensträuße (in Anlehnung an das Paradies noch vertretbar), doch das für Gläubige wichtigste Attribut wurde vergessen: das Kreuz. Bei den Heiligen fehlt das ewige Abendmahl, das den Grund ausmacht, weshalb sie schließlich hier versammelt sind – hinter den roten Steinen wirken sie wie eingemauert. Und schließlich: Dieses Himmlische Jerusalem hat keine Zugangspforten, sondern ist sowohl durch das Mauerwerk wie auch das Wolkenband hermetisch vom unteren Bereich abgegrenzt.
.

Die Gestaltung dieses Ikonentyps wurde in jüngster Zeit wieder aufgegriffen. 2024 kam eine neue Ikone von Wladislaw Golubew aus Russland (Семейная Мастерская Роса) in die orthodoxe Kirche von St. Perstrotravneva (Region Sumy, Ukraine). Auf der 220 x 153 Zentimeter großen Tafel hebt sich das Neue Jerusalem in der Ecke oben links vor allem farblich ab – in Blau- und Türkistönen ist es auf älteren Ikonen fast nie zu finden.



