Giovanni di Paolo (1403-1483): Illustration der Divina Commedia (um 1444)

Dante Alighieri setzte neue Maßstäbe, nicht allein für die italienische Sprache und Literatur, sondern auch für die Buchillustration. Giovanni di Paolo (1403-1483), der Hauptvertreter der Malerschule von Siena, schuf ein Werk, das stark von der Himmelsvorstellung Dantes geprägt war. Paolo ließ sich vom 30. Gesang seiner „Divina Commedia“ inspirieren und stellte die Erlösten nackt dar, was zuvor und auch nachher in Handschriften eher selten gewagt wurde. Sie sitzen in drei Reihen eines Amphitheaters, Männer wie Frauen.
Gleichzeitig erinnert die Szene an ein Auditorium und spielt auf die im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit populäre Vorstellung an, das Himmlische Jerusalem als gigantische Universität zu verstehen. Von außen ist die Architektur mit goldenen Türmen und Toren sowie rundbogigen Pforten durchaus mit den herkömmlichen Darstellungen der Gottesstadt vergleichbar. Interessant sind die beiden Figuren in blauem und rotem Gewand, die sich links vom azurblauen Himmel abheben. Eine der Figuren ist ein Engel, der Dante den Himmel zeigt, wie er einst Johannes auf Patmos gezeigt wurde. Diese Miniatur auf Folio 184r gehört zu 110 Illustrationen und ist in „Yates Thompson 36“ zu finden, die in der Londoner British Library aufbewahrt wird.

Francis Wormald: The Yates Thompson Manuscripts, in: The British Museum Quarterly, 16, 1952, S. 4-6.
Peter Brieger, Millard Meiss, Charles S. Singleton: Illuminated manuscripts of the Divine Comedy, 1, Princeton 1969.
Giulietta Chelazzi Dini, Lorenzo Vecchietta: Priamo della Quercia. Nicola da Siena: Nuove osservazioni sulla Divina Commedia Yates Thompson 36, in: Giulietta Chelazzi (Hrsg.): Jacopo della Quercia fra Gotico e Rinascimento: Atti del convegno di studi, Siena, Facoltà di Lettre e Filosofia, 2-5 ottobre 1975, Florence 1977, S. 203-228.
John Pope-Hennessy: Paradiso: The illuminations to Dante’s Divine Comedy by Giovanni di Paolo, London 1993.

 

 

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