Die meisten hier dokumentierten Kunstwerke finden sich in Städten oder Ortschaften, mit nur wenigen Ausnahmen, wie hier eine Wandmalerei der Kirche Saint-Sulpice-des-Landes in Vieux-Bourg (Bretagne). Die Kirche findet sich auf einer leichten Anhöhe auf den Feldern vor Vieux-Bourg, das lediglich aus einigen Gehöften besteht, von denen viele bereits verlassen wurden und leer stehen. Parochialrechtlich gehört die Kirche beachtlicher Größe zu der Gemeinde Saint-Sulpice-des-Landes, die auf etwa eintausend Personen kommt, in etwa drei Kilometer Entfernung.

Der Bau wird zwar als Kapelle bezeichnet, ist aber eine stattliche bretonische Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts waren die Malereien unter zunehmenden Kalkschichten versteckt. 1845 wurde die Kirche aufgegeben und war der Verwahrlosung und dem Verfall preisgegeben. Doch schon 1886 wurden die Malereien von einem Priester Legal neu entdeckt. In den 1950er Jahren kam es zu ersten Freilegungen der spätmittelalterlichen Wandmalereien, die nach Unterbrechungen in den frühen 1980er Jahren abgeschlossen werden konnten. Das Bauwerk wurde dank des Engagements des Départements Loire-Atlantique erhalten, das seit 1979 ihr Eigentümer ist.
Vor der Kirche befindet sich mehrere Informationstafeln, die mir als Grundlage meiner Dokumentation nützlich waren.

Im Inneren bewahrt die Kirche eine einzigartige und äußerst seltene Wandmalerei auf über vierhundert Quadratmetern, die heute die größte bemalte Fläche der Gotik in ganz Loire-Atlantique darstellt. Vornehmlich zeigt der Hauptzyklus Szenen aus dem Leben Christi, darunter auch das Himmlische Jerusalem auf dem östlichen Bogen hinter dem Altar als krönenden Abschluss der Malereien, die von links nach rechts gelesen werden. Finanziert wurde diese Ausgestaltung vermutlich von Honoratioren der Gemeinde, vermutet wird auch eine Familie Rougé aus dem Schloss La Motte-Glain. Über die näheren Umstände, etwa Malerschule oder beteiligte Personen, gibt es keinerlei konkrete Informationen, außer: Die Malereien in Freskotechnik wurden von einer umherziehenden Malergemeinschaft, angeblich aus dem Piemont, in wenigen Wochen aufgetragen.

Bezüglich des Himmlischen Jerusalem lässt sich die Entstehungszeit auf zwischen 1447 und 1456 eingrenzen. Charakteristisch sind vor allem die schmalen, hohen Türme, die auch in mehreren zeitgenössischen französischen Miniaturen vorkommen (MS 215 Bk 1; MS M.133). Einige der Türme haben kein Dach, die meisten ein Kegeldach, mit blauen Schindeln belegt. Einer der Türme in der Mitte der Stadtanlage ist verloren gegangen. Die Gestaltung erinnert an Burg- und Schlossanlagen, wofür die Loir-Region bekannt werden sollte. Im Zentrum der Stadt kann man, trotz der Verluste, noch eine Dachlandschaft von Wohnbauten erkennen. Links hat sich der schmale Eingang in die Gottesstadt erhalten, vor dem vermutlich Petrus stand, vor einer Schar Gläubiger, die Einlass begehrten und die mittelalterlichen Stände repräsentierten.
Christian Davy: L’église de Saint-Sulpice-des-Landes, Nantes 2016.



