Stundenbücher-Kalender aus MS Latin 18014 (um 1375) und MS Latin 10483 (um 1400)
Ein Stundenbuch (lat. Horarium) war ein Gebets- und Andachtsbuch für Laien, vorgesehen eben für solche Stunden, die man dem Gebet (und diesem Buch) widmete. Stundenbücher galten und gelten als Glanzstücke der mittelalterlichen Buchkunst, da sie oft mit aufwendigem Buchschmuck versehen waren. Manche – nicht alle – der Stundenbücher haben am Beginn einen Kalender, um die Gebetszeiten optimal zu planen. Dort sind die Feiertage und besondere Andachten und Festtage für die zwölf Monate verzeichnet. Gelegentlich sind an dieser Stelle den Miniaturen zu den jeweiligen zwölf Blättern die Monatsnamen beigegeben, und oftmals findet man die Tierkreissternbilder des Zodiaks in der Miniatur thematisiert.
In Stundenbüchern findet man noch einmal die gesamte religiöse Vorstellungswelt des Mittelalters dargestellt, vom Sündenfall, Turmbau zu Babel, Verkündigung Mariens, der Passionsgeschichte bis zum Jüngsten Gericht. Auch das Himmlische Jerusalem erscheint oftmals in diesen Stundenbüchern, in verschiedenem Kontext: als Weltgericht, im Rahmen der Lauretanischen Litanei und bei Kalendern. Die Anordnung im Kalenderteil ist ungewöhnlich und durchaus originell: Man hat darauf verzichtet, die Stadt im Ganzen auf einer Seite abzubilden. Dafür wurden kleine Miniaturen auf zwölf Seiten verteilt. Jede dieser Miniaturen zeigt ein meist offenes Tor mit Türmen und Teilen der Mauer, ebenso jeweils einen Heiligen oder eine Heilige als Wächter mit Fahne. Vor dem Neuen Jerusalem finden sich stets biblische Gestalten oder Heilige ein, die sich im rechten Glauben unterweisen lassen. In der Gesamtschau der zwölf Blätter erscheint vor dem geistigen Auge ein zwölftoriges Himmlisches Jerusalem.

Wann diese Idee erstmals verwirklicht wurde, ist nicht bekannt, da es keine Katalogisierung gab und manche Werke auch verloren gingen. MS Latin 18014 aus der Französischen Nationalbibliothek ist eines der frühesten erhaltenen Stundenbücher, welches eine solche Anordnung aufweist. Das „Petites heures de Jean de Berry“ entstand um 1375 in Paris. Die Blätter 1 und 1v, 2 und 2v, 3 und 3v, 4 und 4v, 5 und 5v, 6 und 6v zeigen oben links jeweils ein Detail der Gottesstadt, passend zu dem Monat, dem sie beigeordnet sind.
Der Herzog von Berry (1340-1416) war der Finanzier mehrerer Stundenbücher. Er war ein jüngerer Sohn des späteren französischen Königs Johann II. und der Bonne von Luxemburg, der Schwester des Kaisers Karl IV. Sein Leben war von Geldgier, Streitereien und Intrigen geprägt. Als menschenverachtender Despot investierte er sein zusammengestohlenes Vermögen zum großen Teil in Kunst, um damit seinen Ruf wiederherzustellen, um den Wert zu sichern und sich zu verewigen. Zumindest das letztere ist ihm gelungen, heute wird der Herzog fast nur noch im Zusammenhang mit den Stundenbüchern erwähnt.

Eine in Teilen beschädigte Kopie von MS Latin 18014 ist MS Latin 10483, die ebenfalls in der Französischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird. „Überlebt“ haben, was die Monats-Miniaturen angeht, lediglich fol. 6 und 6v, und auch diese nur als Fragment. Hier zu sehen sind die Darstellungen für die Monate November und Dezember. Die Handschrift entstand um 1400.
Les grandes heures de Jean de France, duc de Berry: Bibliothèque Nationale, Paris, introduction et légendes par Marcel Thomas, Paris 1971.
John Harthan: The Book of Hours. With a historical survey and commentary, New York 1977.
Roger S. Wieck: Time sanctified. The Book of Hours in medieval art and life, New York 1988.
Raymond Cazelles, Johannes Rathofer: Das Stundenbuch des Duc de Berry. Les très riches heures. Les Petites Heures de Jean, Duc de Berry, o.O. 1988.
François Avril: Les Petites Heures de Jean, duc de Berry. Introduction au manuscrit lat. 18014 de la Bibliothèque Nationale, Paris, Luzern 1989.
Janet Backhouse: The hastings hours, London 1996.
Roger S. Wieck: Picturing piety. The book of hours, London 2007.



