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Weltgericht aus der Friedhofskirche St. Peter und Paul in Prachatitz (Prachatice), um 1500

Ein Meisterwerk der süddeutschen Frührenaissance besitzt die Friedhofskirche St. Peter und Paul in Prachatitz (Prachatice), damals ein wichtiger Ort am Goldenen Steig, dem alten Handelsweg von Passau nach Prag im Sudetenland. Bereits im Außenbereich haben sich Freskenmalereien erhalten, die Maria als Himmelskönigin zeigen, um die die Apostel wie eine Trauergemeinde versammelt sind. Im Inneren setzt sich das Thema Tod, Trauer und Weltenende fort. Anders als es von außen den Anschein erweckt, besteht die Kirche aus einem einzigen Kirchenschiff mit einem kleineren Presbyterium, einem Sakristeiturm und einer angrenzenden Sakristei im Osten sowie einem Glockenturm auf der Westseite.

Im Presbyterium zeigt die Nordseite eine insgesamt 450 x 400 Zentimeter große Wandmalerei von etwa 1490. Thema ist das Weltgericht in zum Teil dramatischen Einzelszenen. Die Architektur des Himmlischen Jerusalem ist hier jedoch anders als sonst üblich repräsentiert: Unten links ist ein grau-schwarzer Block eingesetzt, eine Art erweiterte Himmelspforte als Neues Jerusalem. Auch wenn der Bau einheitlich grau gehalten ist, so besitzt er doch ausgeprägte Renaissance-Schmuckelemente. Über der Pforte sind sogar zwei Wappen aufgemalt. Es handelt sich eindeutig um das Wappen der Familie der Rosenberger (Herren von Rožmberk). 1501 war die Stadt samt allen Sakralbauten an den Adeligen Wok II. von Rosenberg (1459-1505) gekommen, für den formal sein Bruder Peter IV. von Rosenberg (1462-1523) die Regierungsgeschäfte führte. Unter diesen Brüdern sind die Fresken entstanden.
Vor dem Treppenaufgang zu der offenen Pforte leitet der weiß gekleidete Heilige Petrus (zu erkennen am Schlüsselbund des Gewandes) einige Seelen in Form kleiner, nackter Menschen in die rettende Stadt, über der eine gewaltige Marienfigur thront. Weitere Tote, alle nackt, erheben sich aus den Gräbern, ihr künftiges Schicksal ist noch ungewiss. Andere haben das Gericht bereits hinter sich, sie schauen aus drei verschiedenen Fenstern. Die Position der Fenster wie auch der angrenzenden Mauerpartien verrät, dass der Künstler die Perspektive bereits zeichnerisch beherrschte. Weder eine runde noch eine quadratische Stadtform war angestrebt, sondern der anonyme Meister orientierte sich eher am zeitgenössischen Schlossbau Böhmens, wie Burg Loket.

Heimatkreis Prachatitz (Hrsg.): Grenzstadt Prachatice, Friedberg bei Augsburg 1986.
Anna Kubíková: Rožmberské kroniky. Krátky a summovní výtah od Václava Březana, Veduta 2005.

 

Beitragsbild: Institut f. Realienkunde, Salzburg

tags: Institut für Realienkunde, Salzburg, Realonline, Böhmen, Tschechien, Sudentenland, Friedhof, Weltgericht, Wappen, Renaissance
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