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Sarum-Meister: Paris-Apokalypse (1245-1255)

Innerhalb eines kurzen Zeitraumes entstanden in England – gemessen an mittelalterlichen Verhältnissen – massenweise Apokalypsehandschriften. In diesen ist das Neue Jerusalem überwiegend auf drei Miniaturen zu finden. Unter den Ausgaben sind bekannte Exemplare, wie etwa die Apokalypse Douce aus Oxford oder die Apokalypse von Abingdon, aber auch relativ unbekannte Pretiosen. Warum gerade in England (und nicht in Italien, in Spanien oder in Niedersachsen?) innerhalb eines Zeitraumes von einer Generation derart viele Apokalypsen entstanden sind, bleibt ein Rätsel. Der Markt war jedenfalls gesättigt, so dass die Preise fielen und die Qualität der Kopisten sich verringerte. Einige der Exemplare konnten ins Ausland, vor allem nach Frankreich, verkauft werden, doch das Gros ist noch heute in englischen Bibliotheken zu finden.
Damals soll europaweit angenommen worden sein, dass 1260 das Weltenende bevorstünde, was dann auf 1284 und schließlich auf 1290 verschoben wurde. Dass man aber, wenn man vom Ende der Welt überzeugt war, noch Apokalypsenhandbücher anfertigte, ist keine zwingende Folge dieser Annahme. Zudem erschienen im ganzen Mittelalter wie auch später fast jedes Jahrzehnt neue Ankündigungen eines bevorstehenden Weltuntergangs, und nicht immer spiegelte sich dies in der Kunst wieder.

Eine der frühen englischen Apokalypsen wird heute als „Paris-Apokalypse“ bezeichnet, da sie sich unter der Signatur MS  Français 403 in der Französischen Nationalbibliothek in Paris befindet. Entstanden ist diese farbenfrohe Apokalypse in altfranzösischer Sprache mit einem Kommentar eines anonymen Verfassers zwischen 1245 und 1255 in Salisbury, in Nähe der damaligen königlichen Residenz Clarendon. Dem namentlich nicht bekannten Illustrator hat man den Notnamen „Sarum-Meister“ gegeben. Es ist eine außergewöhnlich schöne Apokalypse in außerordentlicher Farbenpracht. Die Darstellung des Himmlischen Jerusalem auf fol. 41r (und in Abwandlung auf fol. 42r) sowie auf fol. 41v wurde stilbildend für viele weitere, jüngere englische Apokalypsehandschriften. Fol. 41r und 41v zeigen ein gestaffeltes, kompaktes Himmlisches Jerusalem mit klaren Linien, angelehnt an einen mittelalterlichen Tabernakel. Das Jerusalem auf der Miniatur dazwischen ist mit roten und blauen Edelsteinen überzogen. Es steht auf einem Fundament aus mehreren Stufen in verschiedenen Farben, und grenzt nach oben mit einer abwechslungsreichen Dach- und Turmlandschaft ab. Fol. 42 zeigt die Wirkung des Lebensflusses, der von Christus aus die Stadt befruchtet und den Lebensbaum zum blühen bringt. Auf eine Rarität soll noch verwiesen werden: Auf fol. 41v trägt ein Engel den Johannes Huckepack – in der Bibel ist davon nichts bekannt. Eine solche Skurrilität bringt ansonsten allein MS Douce 180. Welcher Miniaturist zuerst diesen Einfall hatte, bleibt offen.

L’Apocalypse en français au XIIIe s. 2 Bdd., Paris 1900.
Die lateinische Vorlage des altfranzösischen Apokalypsenkommentars des 13. Jahrhunderts, Münster 1960.
An English Fourteenth Century Apocalypse version with a prose commentary. Edited from MS Harley 874 and ten other MSS by Elis Fridner, Copenhagen 1961.

 

tags: Französische Nationalbibliothek Paris, Gotik, Mittelalter, England, Salisbury
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