Pforte aus St. Antonius in Caquiaviri (1739)

Dieser kleine Bildausschnitt ähnelt einem Ölgemälde, stammt aber von einer Wandmalerei eines unbekannten Meisters aus Südamerika. Die Malerei befindet sich in der römisch-katholischen Kirche von Caquiaviri in Bolivien, einer kleinen Ortsansiedlung, die sich um die Basilika St. Antonius aus dem 16. Jahrhundert gebildet hat. Gezeigt wird ein adeliger Inka, der von einem Engel am Tag der Auferstehung in den Himmel begleitet wird. Alle Geretteten, beschützt von musizierenden und feiernden Engeln, müssen zunächst durch ein prachtvolles Tor, dann geht es in einer langen Reihe weiter steil nach oben bis zu den Wolken, wo das eigentliche Himmlische Jerusalem verborgen ist. Von dort strahlt es verheißungsvoll. Sind es in Europa oft nur wenige einzelne Personen, die den Weg durch die Himmelspforte schaffen, so findet man in Lateinamerika oft Massenszenen. Dafür ist diese Malerei ein eindrucksvolles Beispiel, da es die Massen in drei Gruppen einteilt: vor der Pforte, nach der Pforte, über der Pforte. Dabei wirkt die viel zu enge Pforte wie eine Sanduhr, die den Zulauf kaum bewältigen kann.
An den Seiten des schmalen hohen Tores ist ansatzweise eine Stadtmauer zu sehen. Auf dieser stehen links und rechts zwei Heilige (Petrus und Paulus?). Die Grundfarbe der ist grau, die Profillinien sind weiß, Schmuckteile wie die korinthischen Kapitelle der Säule oder die Gauben des Daches haben eine goldene Farbe. Vom Typus handelt es sich um einen Torturm, der jedoch die traditionelle Form der Cuzco-Malschule durch eine barocke, vom Kolonialstil beeinflusste Architektur ausgetauscht hat.

Suzanne L. Stratton, Thomas B. Cummins, Marilynn Thoma: The virgin, saints, and angels, Stanford 2006.
Claus Bernet: Latein- und Südamerika, Norderstedt 2016 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 39).

 

tags: Bolivien, Torturm, Inka, Pforte, Massenszene, Kolonialstil, Barock
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