Von Luis Lagarto (1556-1624) ist nicht wirklich viel bekannt; er gilt zu Recht als einer der talentiertesten und produktivsten Malern am Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert. Vermutlich kam er 1556 in Sevilla auf die Welt und erhielt in Granada seine künstlerische Ausbildung. Noch im 16. Jahrhundert zog er nach Neuspanien, wo zahlreiche seiner Malereien der Maria Immaculata entstanden. Das früheste Beispiel, das sich erhalten hat, ist das Aquarell „Virgen del Rosario con santa Catalina de Alejandría y santa Catalina de Siena“ aus dem Mexikanischen Nationalmuseum für Kunst. Das 30 x 25 Zentimeter große Werk ist auf das Jahr 1611 datiert.

Rechts oben findet man eine offene Himmelspforte, von einem Engel getragen, links unten eine Civitas Dei, die von einem weiteren barocken Engel wie ein Füllhorn ausgebreitet wird. Der Ortswechsel, die frische Luft, das von Verschmutzung ungetrübte Licht und der Abstand zur künstlerischen Tradition der Heimat haben Lagarto offensichtlich gut getan. Mit diesen Werken entsteht wirklich Neues, Lagarto hat den Barock mit begründet.

Nur ein Jahr darauf entstand eine ähnliche Fassung, die sich heute in Privatbesitz befindet. Auch hier ist überall Bewegung, nur an wenigen Stellen ist überhaupt etwas Raum, um den blauen Himmel durchblicken zu lassen. Gerade was diejenigen Symbole angeht, die das Neue Jerusalem pars pro toto darstellen, kam es doch zu Veränderungen. Die Stadt Gottes ist ganz weggefallen. Die Pforte, die 1611 noch sehr dem Marienspiegel ähnelt, wurde hier deutlicher aus Bauwerk ausgeführt, mit einem manieristischen Sprenggiebel in höchster Qualität. Zusätzlich zu dieser Pforte links hat der Meister eine weitere Pforte rechts hinzugesetzt, am Ende einer steilen Treppe (vgl. dazu sein Gemälde von 1619). Was hier überrascht: Beide Pforten sind geschlossen – ungewöhnlich, sollten doch offene Pforten den Betrachtern Hoffnung geben, am Ende des Lebens eine geöffneten Zugang in den Himmel vorzufinden.

1619 entstand von Luis Lagarto auf mexikanischem Territorium eine „Tota Pulchra“ als Aquarell. Diese zeigt oben links eine goldene Himmelspforte, die vollständig vergoldet ist. Das Werk war einst für ein römisch-katholisches Kloster angefertigt worden und befindet sich heute in einer Privatsammlung.

„Inmaculada Concepción“ ist ebenfalls 1619 entstanden. Die kleine Malerei der Größe von 21 x 16 Zentimetern wurde in Mexiko verpackt und kam nach Spanien, wo sie heute zur Sammlung des Museo de América (Madrid) gehört. Lagarto fügte gleich zwei Himmelspforten ein, nämlich oben links und oben rechts. Sie sind in unterschiedlichen barocken Formen gehalten, vor allem die rechte Pforte fällt ins Auge, da ihr eine Treppe angefügt wurde. Beide Symbole sind komplett mit Gold überzogen. Auch wenn die linke Pforte beschädigt ist, scheint es so zu sein, dass beide Pforten im geschlossenen Zustand gezeigt sind, was bei zweifacher Darstellung von Pforten kaum einmal zu finden ist.

Eine weitere Doppeltorfassung präsentiert diese Immaculata-Darstellung, die um 1620 entstand und Luis Lagarto zugeschrieben wird. Auch hier haben wir eine Malerei, die sich heute in einer Privatsammlung findet. Der Meister übertrifft sich selbst: Beide Symbole neben der zentralen Marienfigur sind vergoldet und überaus reichlich ornamentiert. Besonders die rechte Pforte ist ein bemerkenswertes Fantasieprodukt, denn der Meister hat in die Pforte, die übrigens auf Doppelsäulen steht, eine zweite Pforte eingesetzt. Somit haben wir hier eine Pforte, die gleichzeitig offen und geschlossen ist – auf solche Einfälle muss man erst einmal kommen.

Diese „Tota Pulchra“ stammt aus dem mexikanischen Puebla und ist dort im Museum José Luis Bello y González zu finden. Das Aquarell, zugeschrieben Luis Lagarto, ist lediglich 25 x 20 Zentimeter groß. Es zeigt am oberen Rand links eine offene, barocke Himmelspforte. Sie besitzt im Verhältnis zu ihrer Größe bemerkenswerte zackige Ausbuchtungen und eine Sprenggiebel, wie fast alle Pforten Lagartos. Dieses Werk ist ebenfalls um 1620 entstanden.
Guillermo Tovar de Teresa: Un rescate de la fantasía. El arte de los Lagarto, iluminadores novohispanos de los siglo XVI y XVII, México 1988.
Héctor Schenone: Santa María. Iconografía del arte colonial, Buenos Aires 2008.
Sergi Doménech Garcia: La imagen de la mujer del apocalipsis en nuva Espana y sus implicaiones culturales, Valencia 2013.



