Hieronymus Wierix (1553-1619): Zweiwege-Bild (um 1600)

Um 1600 schuf der Graveur Hieronymus Wierix (1553-1619) einen Stich nach Hendrik van Balen (1575-1632). Balen war Katholik, und sein Kollege Wierix war zwar 1585 als Lutheraner registriert, arbeitete in späteren Jahren jedoch für die Jesuiten und konvertierte möglicherweise ein weiteres Mal. Wierix sollte später das Motiv der Gottesstadt noch öfters aufgreifen, hier beschäftigte er sich erstmals damit und fand bereits eine überzeugende Lösung, die noch Geschichte machen sollte.
Der gesamte kompositorische Bildaufbau und zahlreiche Details, wie etwa die Architektur, das Kreuz, der Pilgerweg und seine Gestalten wurden später in ein weltbekanntes pietistisches Andachtsbild von Charlotte Reihlen (1805-1868) übernommen und von ihr weiter bearbeitet. Hinsichtlich des Himmlischen Jerusalem (Detail oben) gibt es wichtige Unterschiede: die flämische Vorlage setzte hier die Hölle rechts an, die Gottesstadt links (Reihlen tauschte später die Seiten). Die Darstellung des Himmlischen Jerusalem ist bei Wierix/Balen eine mächtige Festung mit drei Wehrtürmen oder Bastionen, wie sie um 1600 üblich waren. Aus der offenen Pforte, aus der Strahlen kommen, tritt eine gewaltige Engelsfigur und präsentiert zwei Kronen, ein weiterer Engel über dem Hauptturm hält ebenfalls zwei Kronen – diese werden Märtyrern bei Eintritt in die Stadt verliehen.

Leo van Puyvelde: Bernardo Passeri, Marten de Vos and Hieronymus Wierix, Roma 1956.
Jan de Jong (Bearb.): Prentwerk: 1500-1700, Zwolle 2002.
Jan van der Stock, Marjolein Leesberg (Hrsg.): The Wierix family, 8, Rotterdam 2004 (Hollstein’s dutch and flemish etchings, engravings and woodcuts 1450-1700, 66).

 

tags: Hieronymus Wierix, Kupferstich, Zweiwegebild, Bastion, Krone, Charlotte Reihlen, Museum Boymans van Beunigen
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