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Cloisters-Apokalypse MS Cloister 68 (um 1320) und Kopien

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurden in England nochmals vermehrt Apokalypsehandschriften angefertigt. Ein bekanntes Beispiel ist die Cloisters-Apocalypse oder Cloisters-Apokalypse, die unter normannischen Stileinflüssen entstanden ist. Es haben sich mehrere Varianten erhalten, von denen keine mit Sicherheit als die älteste Fassung gelten kann. Heute werden die Kopien von den führenden Bibliotheken Frankreichs, Großbritanniens und den USA aufbewahrt: MS Cloister 68 im Metropolitan Museum of Art in New York (fol. 36r, 36v und 37r; Kopie MS Latin 14410 in der Französischen Nationalbibliothek in Paris), MS Add. 17333 in der British Library in London (fol. 45r, 45v und 46r) sowie die weniger bekannte MS 77 in Frankreich im katholischen Seminar Namur (fol. 46r, 46v und 47v). Im folgenden bringe ich die Fassung aus dem Metropolitan Museum of Art, die unter Experten als die maßgebliche älteste Kloster-Apokalypse sein dürfte.
Fol. 36r besticht durch Pastelltöne (ähnlich wie die Farbgebung von MS B 10. 2 (um 1310), so dass ein harmonischer Gesamteindruck entsteht, da sich die Farben des Gewandes von Johannes exakt in der Stadt wiederfinden. Sie zeigt unten symmetrisch drei Tore, darüber aber eine asymmetrische Stadt, deren rechter wie linker Turm in Farbe, Gestalt und Proportion variieren, und die Asymmetrie sogar noch durch einen schrägen Mauerzug zwischen den beiden Türmen betont wird.

Die folgende Darstellung auf fol. 36v überrascht: Die Proportionen und der Architekturaufbau sind zwar traditionell, aber die himmlische Stadt, in der Form ähnlich wie zuvor, erscheint überwiegend grau, fleckig, wie mit Ruß überzogen. Da auch die anderen erhaltenen Ausgaben der Cloisters-Apokalypse diese Färbung zeigen, muss man davon ausgehen, dass es sich nicht um eine Beschädigung handelt, sondern die Stadt sollte tatsächlich so aussehen. Dass auch diese Stadt aus Kirchenbauten besteht, signalisieren die lateinischen Kreuze über den Dächern. Die Wolken, die zuvor noch über der Stadt waren, sind nun unter der Stadt.

Fol. 37r dieser Cloisters-Apokalypse zeigt (wie übrigens auch alle anderen Cloisters-Apokalypsen), wie der Lebensfluss aus dem Lamm, hier in der Mandorla links, in das Neue Jerusalem fließt. Von dem ist vor allem das breite Fundament zu sehen und ein kleines Türmchen. Darüber sind Bäume eingefügt, womit eine Paradieslandschaft entsteht, in der sich drei Gerettete entspannt aufhalten. Ein Mann und eine Frau wenden sich zu, die dritte Figur pflückt sich gerade eine Frucht vom Baum des Lebens: Hier wird endlich einmal Lebensfreude und Lebensgenuss Ausdruck gegeben – sicher auch ein Grund für die hohe Popularität dieser neuen Jerusalemsinterpretation.

Forty paintings from an early 14th century manuscript of the Apocalypse: The Metropolitan Museum of Art – The Cloisters, New York 1969.
The Cloisters Apocalypse. An early fourteenth-century manuscript in facsimile, 2 Bdd., New York 1971.
Helmut Nickel: A theory about the early history of the Cloisters Apocalypse, in: Metropolitan Museum Journal, 6, 1972, S. 59-72.
L’Apocalisse Cloister (1320 ca.), in: Maria Luisa Gatti Perer (Hrsg.): La Gerusalemme celeste, Milano 1983, S. 172-173. 

 

MS Add. 17333 aus der British Library in London (fol. 45r, 45v und 46r) gilt als eine genaue Kopie der Cloisters-Apokalypse. Man bezeichnet sie auch als Val-Dieu-Apokalypse. Sie wurde etwa zur gleichen Zeit, zwischen 1320 und 1330, in der Normandie hergestellt. Die wesentlichen Merkmale sind identisch, aber durch den dunklen, fast schwarzen Hintergrund entsteht doch ein anderer Gesamteindruck. 

 

MS Latin 14410 ist ein lateinischer Apokalypsenband mit Illustrationen aus der Französischen Nationalbibliothek zu Paris. Fol. 80 zeigt das Himmlische Jerusalem, ganz ähnlich wie MS Cloister 68 auf fol. 37r (bzw. dessen Kopie MS Add. 17333 und Namur MS 77). Da die Cloister-Apokalypse um 1320 entstanden ist, haben wir hier eine Kopie vor uns. Sie zeigt allerdings nicht die weiteren Illustrationen von Cloister bzw. MS Add. 17333 und Namur MS 77, sondern lediglich eine Repräsentation der Stadt auf fol. 80.
Hauptthema ist dort der Lebensfluss, wie er aus der Mandorla von Christus seinen Ausgang nimmt und das Himmlische Jerusalem unten befruchtet. Der Bau ähnelt einem Tabernakel; er besteht aus zwei Ebenen, die von einer Mauer mit Zinnen umgeben sind. Oben wurde dem Bau eine Halle mit blauem Dach aufgesetzt, der ein Turm vorgelagert ist, genau dort, wo der Lebensstrom in die Stadt trifft. In der Stadt essen mehrere Gerettete von den Früchten, die an dem Lebensstrom wachsen. Beobachtet werden sie von Johannes und einem Engel, die nicht seitlich, sondern hinter der Szene stehen.
Entstanden ist diese Handschrift über mehrere Jahre um 1325 in der Abtei Saint-Victor in Paris. Dort haben Mönche, deren Namen nicht bekannt sind, an den Miniaturen zu diesem Band gearbeitet. Man hat sich in der Farbgebung, der Proportion und Anordnung der Figuren sehr genau an die älteren englischen Vorbilder gehalten.

Helmut Nickel: A theory about the early history of the Cloisters Apocalypse, in: Metropolitan Museum Journal, 6, 1972, S. 59-72.
George Henderson: Studies in English Bible Illustration, Bd. 2, London 1985.
Alison Stones: Gothic manuscripts, c. 1260-1320, London 2013.
Claus Bernet: Miniaturen des Mittelalters, Norderstedt 2015 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 28). 

 

Eine etwas freiere Bearbeitung von MS Cloisters befindet sich im römisch-katholischen Seminar von Namur, dort unter der Signatur MS 77 (Bibliothèque du Séminaire de Namur, Belgien). Sie soll wesentlich später entstanden sein, um 1360. Was damals den Anlass gab, sich nochmals mit den über ein halbes Jahrhundert alten Clositer-Miniaturen, die inzwischen durch andere Miniaturen überholt waren, zu beschäftigen, wissen wir nicht. Bei allen 85 Miniaturen fällt sogleich die helle Pastelltönung ins Auge, die sich auch in der Armenbibel (um 1405), in MS M.133 (1410-1420) oder in French MS 2 (um 1416 um) finden lässt. Bereits fol. 46r zeigt im Vergleich zum Original eine Tendenz dieser Miniatur zum Vereinfachen. So sind die Beschläge der Tore vollständig weggefallen, auch wurde die Zahl von drei auf zwei reduziert, der feine Edelsteinfries ist ebenfalls weggefallen. Dafür ist Johannes älter geworden und trägt nun Bart. Fol. 46v ist noch radialer: Auch hier wurde der Edelsteinfries gestrichen und statt ausdifferenzierter Tore sieht man lediglich drei schwarze Löcher. Auf der linken Seite hat man die Kolorierung zurück genommen, so sind die kleinen Bäumchen auf dem Felsen monochrom kaum mehr zu erkennen. Gleiches gilt auch für den Lebensbaum von fol. 47v. Dort kommt allerdings die Hintergrundgestaltung der Mandorla mit dem punktierten Violett besonders zur Geltung. Insgesamt ist Namur 77 eine schematische, sicher preisgünstige Kopie, die aber den Ansprüchen einer monastischen Gemeinschaft, die sich ja nicht durch Luxusbände hervortun sollte, vollauf genügte.

Jessica Pranger: L‘Apocalypse de Namur, in: Art de l’enluminure, 57,‎ 2016, S. 2-25.
Joël Rochette: Lueurs et tremblements. Un commentaire de l’Apocalypse de Jean illustré par le Manuscrit de Namur, Namur 2016.

tags: Apokalypsehandschrift, England, Kloster, Asymmetrie, Paradies, Kopie, British Library London, Gotik, Normandie
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