Fresken aus Sainte-Anne in Cazeaux de Larboust (1450-1500)

In dem Ort Cazeaux de Larboust (Region Okzitanien), mitten in den Hochpyrenäen, entstand in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch einmal ein spätmittelalterliches Himmlisches Jerusalem. Es sieht stilistisch älter aus und erinnert mit seiner klaren horizontalen Gliederung an Malereien aus Piemont, etwa aus der Kapelle Santi Sebastiano e Michele in Celle di Macra und natürlich aus San Fiorenzo in Bastia Mondovi. Waren die Maler von dort weiter westwärts gewandert?
Schon um 1660 verschwand in Cazeaux de Larboust die Malerei unter einer dicken Tünche, bis sie 1873 wiederentdeckt und freigelegt wurde. Trotz der Qualität der Malerei und trotz der zum Teil eigenständigen Motive fehlt es an wissenschaftlicher Aufarbeitung – offensichtlich finden nur wenige Experten in die abgelegene Kirche, deren Zufahrt im Winter oft wegen Schnee gesperrt ist.
Das großflächige Wandbild befindet sich auf dem zweiten Joch der südlichen wie auch der nördlichen Gewölbewand. Auf diesen beiden Szenen, die beide die Endzeit thematisieren, wurden, wie auch an anderer Stelle der Malerei in der römisch-katholischen Kirche Sainte-Anne, verschiedene Szenen übereinander gesetzt. Dieses verleiht der Malerei eine stark horizontale Ausrichtung, so dass wir im Folgenden von Ebenen (Schichten) sprechen.

Betritt man die Kirche von der Straßenseite aus, fällt der Blick direkt auf das Himmlische Jerusalem – sicherlich mehr als ein Zufall. Die obere Ebene ist Christus (anhand der Wundmale und weiterer Merkmale wie Schwert, Lilie (kaum erkennbar), Regenbogen als solcher zu identifizieren) und den Engeln vorbehalten. In der zweiten Ebene versammeln sich zahlreiche Gerettete, teilweise mit Palmwedeln, zwischen Maria links und Johannes rechts. Das eigentliche Gericht spielt sich in der untersten Ebene ab, wo in der Mitte der Erzengel Michael die Seelen wiegt. Links erkennen wir oben Dächer von Häusern und Reste von Flügeln eines weiteren großen Engels, darunter eine Figur, deren Kopf verloren ging. Dabei handelte es sich vermutlich um einen Engel, der die Geretteten im Empfang nahm und um Petrus mit Schlüssel vor einer goldgelben Pforte. Große Teile des Himmlischen Jerusalem sind also auch hier beschädigt oder ganz verloren, während das Drachenmaul der Hölle in wesentlich besserem Zustand ist.
Der Dreiklang dieser Wandseite korrespondiert mit der gegenüber liegenden Seite, also der Südseite über dem Eingang, die man vollständig nur erkennen kann, wenn man sich tief in der Kirche befindet und zu ihrem Ausgang blickt.

Ganz oben stehen, in langen weißen Gewändern und rot-gelben Mänteln, zwölf männliche Personen. Vermutlich sind dies Apostel als Adoranten. Ihnen zu Füßen zieht sich die Mauerkrone Jerusalems entlang. In der mittleren Zone ist die Prozession des Gotteslammes dargestellt. Zwölf Frauen bewegen sich nach links. Sie halten jeweils die Palme des Sieges und ein Buch in ihren Händen, dem nur das Lamm die Siegel brechen kann.

Nach anderer Interpretation werden hier Geschenke oder Edelsteine getragen, was ich persönlich für weniger wahrscheinlich halte, aber der Vollständigkeit halber nicht verschweigen will. Auch bei meinem Besuch wurden mir die Frauen, wenn ich meinem Französisch trauen darf, als „Edelsteinträgerinnen“ vorgestellt. Ebenfalls sind bei diesen Figuren die Gewänder detailliert wiedergegeben und bergen vielfältige Informationen über spätmittelalterliche Kleidungssitten. Der Hintergrund ist dunkelblau und mit weißen Blumen geschmückt. Hierbei handelt es sich um eine frühe Form der Stempeltechnik, was die korrekte Datierung erleichtert. Auch auf dieser Ebene zieht sich eine Mauerkrone durch das Bild und grenzt die Szene nach unten ab. Zusätzlich hat die Mauer den willkommenen Vorteil, dass man die Füße, die als das schwerst zu zeichnende Körperteil gelten, weglassen kann. Dort unten also findet man eine Gruppe von neun Männern, die Textauszüge der Litanei vor sich her tragen. Ihnen fehlt der Heiligenschein, doch haben sie die gleiche Blick- und Bewegungsrichtung wie die beiden oberen Gruppen. Es soll sich um arme, aber doch hoffnungsvolle Sünder handeln, die noch das Purgatorium durchleiden, aber später im Himmlischen Jerusalem Einlass gewährt bekommen.

Henri Pac: L’église de Cazeaux, o.O., o.J. 

 

tags: Okzitanien, Frankreich, Fresko, Renaissancce, Adoranten, Stempelmalerei
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