
Brucker Meister: Weltgerichtsfresko aus St. Ruprecht, Bruck an der Mur (1416)
Die Fresken in der Filialkirche St. Ruprecht in Bruck an der Mur (Steiermark) wurden im Jahr 1416 fertiggestellt. Sie befinden sich an der inneren westlichen Triumphbogenwand des Chors, sehen kann sie also nur der Priester, nicht die Gemeinde während des Gottesdienstes. Ausgeführt wurden sie entweder von der nahegelegenen Judenburger Malerwerkstätte oder, als Notname, von einem örtlichen Brucker Meister bzw. seiner Schule.
Erst 1937 wurden die Malereien vom dem Brucker Realschullehrer Edmund Stierschneider wiederentdeckt und anschließend überraschend fachkundig freigelegt.
Das Neue Jerusalem ist auf der linken Seite zu finden und besteht aus zwei eigenständigen, wenn auch zusammengehörigen Architekturen:
Links befindet sich ein filigranes gotisches Tempelbauwerk. In dessen Innerem befinden sich Gerettete und Engel. Man kann sogar die Decke des Gewölbes mit Strebepfeilern und Kappen einsehen. Die Szenerie erinnert in ihrer Offenheit an den Paradiesgarten, auch Assoziationen zum Tempel Salomon liegen nahe. Offensichtlich wird ein Brautpaar gezeigt: Christus und die Kirche. Im Gegensatz zu dem filigranen Bauwerk stehen die expressiven vor- und zurückspringenden Mauern vor dem Bau. Sie sind nach vorne offen, wo man die vier Paradiesflüsse entdecken kann.
Durch Zinnenmauern davon abgetrennt befindet sich rechts davon eine grobschlächtige Himmelspforte in goldgelbem Farbton, ohne gotische Verzierungen oder architektonische Besonderheiten. Diese Komposition, also eine einfache Himmelspforte durch Mauer abgetrennt vom vielgestaltigen Paradies-Jerusalem, ist ansonsten von der Ikonen-Malerei bekannt, bei der unten das Paradies vom Himmlischen Jerusalem oben getrennt ist. Eine weitere Besonderheit ist, dass den Engel kleine lateinische Kreuze aufgesetzt sind. Auch ist es ungewöhnlich, dass eine Gerettete, die Petrus an der Himmelspforte gegenüber steht, eine große Kerze mit sich führt. Die Vorstellung war, dass man im Neuen Jerusalem die irdischen Lichtquellen nicht länger benötigt. Petrus hingegen befindet sich im Disput mit einem Engel. Mit seinem Schlüssel in der einen Hand ist er dabei, die hölzerne Tür Jerusalems aufzuschließen, mit der anderen Hand deutet er ostentativ auf eine der Waagen des Engels. Dieser ist mit den zwei Waagen einerseits der Heilige Michael, mit dem Stab in der anderen Hand jedoch auch der Engel aus der Apokalypse, der die Stadt ausmisst. Eigenartigerweise deutet er mit dem Finger zu seiner Nase, als wolle er mit der Geste etwas sagen. Das gesamte Fresko birgt zahlreiche erzählerische Details und Fragen, die noch nicht vollständig gelöst sind.
Helmut Hundsbichler: Himmelreich und Höllenstrafen, Kunst und Didaktik im Brucker Weltgerichtsfresko, in: Festschrift Helmut J. Mezler-Andelberg zum 65. Geburtstag, Graz 1988, S. 223-235.
Heimo Kaindl, Alois Ruhri: Die Kirchen von Bruck an der Mur, Graz 2002.
Bruck an der Mur, Filialkirche Hl. Ruprecht, in: Elga Lance: Textband, Wien 2002, S. 59-64.