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Humor und Himmlisches Jerusalem (Kaiserzeit und Weimarer Republik)

Auch auf Karikaturen ist das Himmlische Jerusalem präsent, vermutlich, weil sich das, was auf Würde und Wahrheit pocht, gut kritisieren und lächerlich machen lässt. So gut wie immer handelt es sich um Petrus vor der Himmelspforte und um eine „arme Seele“, die gerade Einlass in die Seligkeit begehrt. Solche Karikaturen hat es vermutlich bereits seit der Renaissance gegeben, als dieses Genre tatsächlich an der Kurie entstanden sein soll, doch das früheste Beispiel datiert von 1753. Zur Massenware wurden sie erst als Illustration in Wochen- und Tageszeitungen, auf Postkarten und neuerdings im Internet. Zu der künstlerischen Qualität kommt bei diesen Zeichnungen noch die Art des Humors, die nach Zeit und Umständen höchst variabel sein konnte: „Wer bist Du? – Ich bin der Unfehlbare. Du irrst. Es giebt nur Einen Unfehlbaren, und der ist schon seit Ewigkeiten hier. Doch Irren ist ja menschlich – tritt ein!“ so lachte man in der Kaiserzeit, nach einer Illustration aus der Zeitschrift „Berliner Wespen“, vom 8. Februar 1878. Die Illustration ist vermutlich von Gustav Heil (1826-1897), ein Preuße, der immer wieder mit antiklerikalen Zeichnungen aufgefallen war.

 

Gerade bei Karikaturen zeigte sich unverhohlen der Antisemitismus: Der „kleine Cohn“ ist keinesfalls eine historische Person, sondern ein antisemitisches Stereotyp auf Juden im Deutschen Kaiserreich, v.a. unter der Regierung von Wilhelm II. Cohn war damals ein verbreiteter Nachname unter den deutschen Juden und die Figur wurde als „typischer“ Jude betrachtet. Sein Verhalten wird meist gewitzt, makaber, mitunter (aber nicht immer) bösartig dargestellt. Auf der Postkarte von W. Lange, die kurz vor 1902 entstanden sein muss, verschafft sich der Jude, kleinwüchsig und mit Hakennase, durch ein Schlupfloch Einlass in das „christliche“ Jerusalem. Unterschwellig wurden damit Vorurteile von jüdischer Einwanderung und Einflussnahme strapaziert.

Julia Schäfer: Vermessen – gezeichnet – verlacht. Judenbilder in populären Zeitschriften 1918-1933, Frankfurt a.M. 2005.
Juliane Peters (Hrsg.): Spott und Hetze. Antisemitische Postkarten 1893-1945. Aus der Sammlung Wolfgang Haney, Berlin 2009.

 

Beim Jerusalem-Humor darf natürlich Heinrich Zille (1858-1929) nicht fehlen. Hier gestaltete er zusammen mit seinem Kollegen, den Hamburger Plakat-Lithographen Adolph Friedländer (1851-1904) eine Zeichnung, vermutlich im Auftrag des Zirkus Busch, der ja sowohl mit Hamburg wie auch Berlin verbunden war. Die kolorierte Handzeichnung entstand 1922, sie wurde dann in Hamburg als Postkarte der Größe 47 x 36 cm gedruckt. Was ist darauf zu sehen? Petrus, ein beleibter gutmütig blickender Herr im höheren Alter, schließt die Himmelspforte ab, um mit einem legeren Engel den Zirkus Busch zu besuchen. Die Botschaft soll wohl sein: Selbst im Himmel ist es nicht so schön wie bei einer Veranstaltung des Zirkus Busch (Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Kunstbibliothek, Inventarnummer 14050195).

 

Beitragsbild: Nr. 3: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Kunstbibliothek, Foto Jens Ziehe

tags: Petrus, Himmelspforte, Postkarte, Berlin, Hamburg, Antisemitismus
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