Werkstatt Hanns-Christian Luibl (geb. 1955): Grabsteine und Grabstelen (1995ff.)
Hanns-Christian Luibl (geb. 1955) ist freischaffender Steinmetz mit einem Betrieb in Höhenkirchen-Siegertsbrunn südlich von München (Oberbayern). Bereits sein Onkel, Franz Luibl (1922-1983), war Kunstmaler. Hanns-Christian Luibls künstlerisches Talent zeigte sich schon während der ersten Schuljahre; frühzeitig entdeckte er bei einem Praktikum in der Werkstatt des akademischen Bildhauers Peter M. Lutterkord seine Leidenschaft für den Werkstoff Stein. So absolvierte er in diesem Betrieb eine Lehre zum Steinmetz. 1986 legte er an der Meisterschule für Steinmetze und Steinbildhauer in München die Meisterprüfung ab. Seither arbeitet er als selbständiger Steinmetz und Bildhauer. 1995 eröffnete er nach seinem Umzug nach Höhenkirchen-Siegertsbrunn dort seine eigene Werkstatt. Es entstanden über dreißig Jahre hinweg bemerkenswert hochwertige und qualitative Arbeiten, die das Himmlische Jerusalem, wie wir sehen werden, in unterschiedlicher Weise thematisierten, und gleichzeitig kann man durchaus der Handschrift der Luibl-Werkstatt erkennen.

Eine frühe Arbeit zum Thema entstand um 1995, damals noch in der alten Werkstatt „Kroisshof“, einem historischen Kuhstall. Die Arbeit ist aus Kalkstein und folgt teilweise in seiner Darstellung Vorbildern aus der Romanik und aus Ravenna. Es zeigt das Lamm mit den vier paradiesischen Quellflüssen vor einer Stadtkulisse im oberen Bereich. Eine Besonderheit ist die gelbe Färbung des Heiligenscheins um das Lamm, welche bei bestimmten Lichtverhältnissen golden leuchtet. Neben dem Agnus Dei hat der Künstler zwei sich ähnelnde Bäume gegenüber gestellt: Den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens. Das Werk in Kreuzform steht heute auf dem Friedhof des Ortes Speicher in der Eifel.

Dieser Grabstein aus Untersberger Forellenstein aus der Zeit um 1998 zeigt ein in der Mitte ein kleines vergoldetes Tor (oder eine Pforte) zum Himmlischen Jerusalem. Umgeben ist es von Bauten im oberen Bereich, deren dreieckige Dächer den schrägen Abschluss des Grabsteins (2002) aufnehmen. Im unteren Bereich führen Stufen einer breiten Treppe zu dem Tor, weitere separate Treppen führen zu einzelnen Häusern. Diese Arbeit für ein Ehepaar ist auf dem Gemeindefriedhof von Hohenbrunn (Landkreis München) zu finden.

Das Motiv der Himmelspforte mit Treppe und Gold wurde auf dem Hohenbrunner Friedhof ein weiteres Mal umgesetzt (Sektorennummer 29.338), aber in überraschend anderer Art und Weise. In eine weiß-rosafarbene Marmorstele wurde eine Nische eingearbeitet, welche die Pforte des Himmels symbolisiert. Mehrere Stufen führen zu ihr, und die Nische dient dazu, Kerzen (wie hier zu sehen) oder kleinere Erinnerungsgegenstände (Memorialia) aufzunehmen. Die Pforte ist durch eine schmale Linie akzentuiert, die sie vollständig umzieht. An den fünf Ecken sind Vergoldungen angesetzt. Diese Linie findet sich ein zweites Mal am äußeren oberen Rand des Steines, der die gleiche Form wie die Nische besitzt. Hier ist lediglich die Ecke im Scheitel des Steins durch Vergoldung hervorgehoben, die auch etwas größer gestaltet wurde. In dieser Gestaltungsweise wurden später noch mindestens zwei weitere Himmelspforten-Steine für andere Friedhöfe angefertigt. Diese erste Fassung entstand um das Jahr 2000 und wurde 2004 für ein Grab ausgewählt.

Eine andere Arbeit ist eine Jerusalemstele auf dem Gemeindefriedhof Hohenbrunn (nahe München, Oberbayern). Sie entstand im Jahr 2004 als Gesellenstück von Matthias Luibl, dem Sohn des Meisters, der ebenfalls den Steinmetzberuf ergriff und seitdem in der gemeinschaftlichen Werkstatt mitarbeitet. Dieser Stein aus Travertin hatte oben, genau wo die Bauten der Stadt ansetzen, eine Kalzitdruse ausgebildet, was sich bei der Bearbeitung aus große Herausforderung herausstellte. Später wurde der Stein zum Grabstein der Lehrerin Marianne Kugler umgearbeitet, die 1991 verstorben war. Vor allem im oberen Bereich ist die rechteckige Stele bildkünstlerisch gestaltet. Dort schieben sich geometrische Figuren aus dem Stein und formieren sich zu Dächern und Kuppeln Jerusalems – die Stadt wächst quasi aus dem Stein heraus gen Himmel. Der christliche Gehalt wurde durch das eingemeißelte Christusmonogramm an einer der beiden Schauseiten unterstrichen. Das Motiv einer Stadt am oberen Abschluss einer Stele hat das Paar Luibl mehrfach aufgenommen, hier sind die Kubaturen noch streng ausgeformt, auf Darstellung von Türen, Fenstern o.ä. wurde verzichtet.

Eine weitere Arbeit der Werkstatt ist aus weißem Thassos-Marmor, (später) versehen mit dem Vers des bekannten Zionliedes „In deinen Toren will ich stehen, Du freie Stadt Jerusalem“. Sie wurde im Jahr 2007 fertiggestellt und befand sich einige Zeit in der Werkstatt des Künstlers in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Eines Tages entdeckte eine Frau, die einen Probetanzkurs bei der Frau des Steinmetzmeisters gebucht hatte, diesen Stein und wählte ihn zum Grabstein für ihren zwei Jahre zuvor bei einem Motorradunfall verstorbenen Ehemann. Zu dem Zitat kam es in Erinnerung an eine gemeinsame Jerusalemreise des Ehepaares. Die Stele fand Aufstellung auf dem Münchner Friedhof Perlacher Forst, in Nähe des Grabmals der Geschwister Scholl.
Im unteren Bereich ist die Stele glatt geschliffen und ohne Verzierung oder Beschriftung, bis auf das angeführte Zitat. Am oberen Abschluss der Stele wachsen jedoch unterschiedliche Häuser aus dem Stein heraus, so dass man von oben eine vielgestaltige Jerusalems-Dachlandschaft entdecken kann, gleich wie auf einer parallel entstandenen Stele von Martin Thiebes. Auffällig ist ein großer Kuppelbau im steinernen Zentrum der Stadt. Die Bauten am Rand sind mit Fenstern und Türen ausgestattet, die um so realistischer gearbeitet sind, je höher man geht, und nach unten immer mehr im Stein verschwinden.

Bei dieser Arbeit aus Wachenzeller Dolomitstein handelt es sich um eine drei Meter hohe Stele. Im oberen Bereich sind auf den vier Seiten Tore und andere Bauten des Himmlischen Jerusalems gesetzt, die zusammen die Gestalt eines Kubus ergeben. Er gehört zu einem Urnengrab auf dem Münchner Westfriedhof im Bereich der sogenannten Mosaikgärten. Luibl hatte sich am 2012/13 am Wettbewerb zu dem Urnengrab beteiligt und eine Mappe mit vier Entwürfen eingereicht: 2 Mal Lebensbaum, ein abstrakter, technischer Stein und einmal das Neue Jerusalem, was schließlich ausgewählt wurde. Die ersten Toten zu dieser Stele wurden ab 2015 bestattet.

Unmittelbar darauf wurde von Meister Luibl eine ähnliche Fassung für das Grab von Alois Hauke (1930-2016) gestaltet. Sie befindet sich als Einzelgrab in unmittelbarer Nähe der zuvor erwähnten Stele, ebenfalls auf dem Münchner Westfriedhof. Auch hier ziehen sich die Tore und Bauten um vier Seiten des rechteckigen Steins, der mit etwa einem Meter Höhe kleiner ist, aber ebenso viele Details und Einzelheiten bietet wie sein Vorläufer.

Eine ähnliche Stele wie für den Münchner Westfriedhof entstand 2017. Hier dominiert auf jeder der vier Seiten ein besonders ausgeschmücktes, größeres Bauwerk. Die Türen und Fenster sind zum Teil tief in den Stein eingehauen. Der Pfarrer von Siegertsbrunn entdeckte den Stein auf einem Straßenfest des Gewerbeverbands, an dem der Betrieb Luibl regelmäßig teilnimmt. Auf Wunsch des Pfarrers wurde der helle Kalkstein zu einem Urnengrab umgearbeitet und an vier Seiten mit biblischen Zitaten versehen, die nochmals den Bezug zum Himmlischen Jerusalem unterstreichen, in folgender Reihenfolge: „Gott wird bei ihnen sein“, „der Tod wird nicht mehr sein“, „Seht, ich mache alles neu“, „die heilige Stadt, das neue Jerusalem“.

Eine Arbeit aus dem Jahr 2022 befand sich 2026 noch auf dem Werksgelände des Künstlers. Bei der 120 Zentimeter hohen, blockartigen Stele wachsen aus dem oberen Viertel des glatt polierten Kalksteins Bauten des Himmlischen Jerusalem. Zwischen die Wohnhäuser und Bauten mit Kuppeln sind immer wieder Treppen gesetzt, die den Blick weiter nach oben richten lassen. Die Schauseite ist noch frei belassen, für einen Sinnspruch oder/und den Namen des/der Verstorbenen.

Kurz danach, um 2024, entstand eine ähnliche Arbeit. Auf dem Stein sind ebenfalls ineinander und übereinander gesetzte Häuser, Kuppeln und Treppen zu entdecken – in der typische Formensprache, zu der sich Luibl bei diesem Gegenstand über dreißig Jahre hin entwickelt hat. Dennoch fallen hier im Vergleich zu den vorherigen Arbeiten zwei Besonderheiten auf. Zum einen schließt der Stein oben mit einem flachen Dreieck ab, wie bei einem niedrigen Satteldach, was wieder zurückführt zu den frühen Arbeiten. Die Stadt umschließt hier auch nicht die vier Seiten des oberen Abschlusses einschließlich der Oberseite, sondern ist auf einen klar abgegrenzten Ausschnitt von etwa 20 x 35 Zentimeter begrenzt. Dabei übernimmt dieser Ausschnitt die gleiche Form und Proportion wie der Stein selbst.



