Tympanon der St. Annenkapelle auf der Marienburg (um 1331 und um 1344)

Das erste Tympanon am Nordportal der St. Annenkapelle in der Vorburg der Marienburg in Ostpreußen zeigt, wie zu erwarten, eine Krönung der Heiligen Anna. Unter der eigentlichen Krönungsszene wurde rechts ein Relief mit der Hölle und links ein Relief mit dem Himmlischen Jerusalem angebracht. Von den sechs Figuren vor Jerusalem ist die erste nicht etwa Petrus, sondern ein Engel. Die übrigen sind wahrscheinlich Heilige, die Abendmahlskelche tragen, oder die fünf klugen Jungfrauen mit ihren Leuchten (auf der Höllenseite werden diese Kelche oder Leuchten kopfüber gezeigt). Links ist der Eingang in die Himmelsstadt als einfache Pforte angedeutet, im oberen Bereich mit einem roten Fenster oder Guckloch. Der Abschluss ist glatt, anders als im Zwickel hoch oben finden sich keine Anklänge an die Gotik. Markant ist die rote und grüne Bemalung, in der auch das übrige Tympanon gefasst ist.

 

Diese Kapelle besitzt ein zweites Tympanon, welches ebenfalls das Weltgericht zeigt. Entstanden ist es nur wenige Jahre nach der erste Arbeit, vermutlich vom gleichen Steinmetz, der auch andere Arbeiten an der größeren Marienkirche ausführte, welche im Westen an die Kapelle angrenzt. Die im Jahr 1344 geweihte Kirche der Marienburg, einer deutschen Ordensburg, wurde unter Dietrich von Altenburg zur Sankt Marien-Kirche erweitert und vielleicht war dies der Anlass eines zweiten Weltgericht-Tympanon?

Der Bildaufbau ist gleich geblieben; es sind auch hier Szenen auf drei Felder verteilt. Das Hauptfeld oben zeigt Christus als Weltenrichter in der Mandorla. Unten links findet sich wieder eine Gruppe von sechs Geretteten ein. Diesmal wird die Pforte von Petrus geöffnet. Der Engel ist aber ebenfalls präsent, nur weiter nach rechts gerückt. Er hebt jetzt drohend sein Schwert in Richtung Hölle.

Eine Besonderheit der Darstellungen des Himmlischen Jerusalem dürfte die Person in der Mitte der Figurengruppe sein, die anhand der Kopfbedeckung als Jude gekennzeichnet ist, vielleicht ein Priester oder Prophet aus dem Alten Testament. Ob damit eine ungewöhnliche Religionstoleranz oder eine Vereinnahmung des Judentums verbunden ist, muss offen bleiben. Jedenfalls ist es unter tausenden mittelalterlichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts eine der wenigen mit einem geretteten Juden, vgl. dazu den Psalterium Feriatum (um 1240).
Die Pforte ist als schmaler Bau, mit einer Kante nach außen gedreht, wodurch der eigentliche Eingang besonders plastisch sichtbar wird. Das Pforten-Bauwerk endet oben mit einigen Zinnen, im Bereich darunter ist es leicht beschädigt.

Die St. Annenkapelle unterhalb des Chors der Marienkirche, vom Burggraben des Hochschlosses aus zugänglich, hatte bis 1945 die Funktion einer Krypta für die sterblichen Überreste der Hochmeister des Deutschen Ordens. Als Westwand diente die alte Außenmauer des ersten Konventhauses. Mit dem Bau begann man 1331. Zehn Jahre später wurde der erste Hochmeister, Dietrich von Altenburg, hier begraben, unter dem dieses Kunstwerk geschaffen wurde. An diesem prominenten Ort war es sicher Vorbild für weitere solcher Darstellungen im Ordensgebiet und darüber hinaus (etwa im Historismus in einer Kirche in München).
Eine farbliche Fassung dieser zweiten Pforte ist auszuschließen. Es soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass es höchst ungewöhnlich ist, dass hier eine Kapelle gleich zwei Mal das Weltgericht zeigt, an den gegenüber liegenden Eingängen auf gleicher Höhe, lediglich dreißig Meter voneinander entfernt . Es gibt weltweit keinen Sakralbau mit dieser Dopplung.

Bernhard Schmid: Die Marienburg. Ihre Baugeschichte, Würzburg 1955.
Szcze̜sny Skibiński: Kaplica na Zamku Wysokim w Marlborku, Poznań 1982.
Mariusz Mierzwiński, Wacław Górski: Marienburg. Das Schloß des Deutschen Ordens, Bydgoszcz 1993.
Claus Bernet: Gemacht für die Ewigkeit. Steinwerke des Himmlischen Jerusalem, Norderstedt 2013 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 8).

 

Textbild: Lvova Anastasiya (Львова Анастасия, Lvova), Castle in Malbork, relief in the church, CC BY-SA 3.0

tags: Ostpreußen, Mittelalter, Tympanon, Weltgericht, Judentum, Krypta
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