Mantes-la-Jolie im Département Yvelines (Île de France) ist berühmt für seine mittelalterlichen Glasmalereien, wie in der dortigen Kirche Notre-Dame, wo sich eine sehr alte Darstellung des Himmlischen Jerusalem der Zeit um 1230 erhalten hat. In dem westlichen Stadtteil Gassicourt befindet sich die römisch-katholische Kirche Sainte-Anne, die originale Bleiglasfenster im Chorbereich aus dem 13. Jahrhundert besitzt. Diese beiden Beispiele aus Mantes-la-Jolie gehören zu den ältesten Glasmalereien eines Neuen Jerusalem weltweit, die sich über Jahrhunderte am Originalstandort erhalten haben.

In Sainte-Anne sind es Szenen mit der Passion Christi und seiner Auferstehung, verteilt auf fünf Medaillons über vier Fensterbahnen. Davon zeigt ein Rundfenster, umzogen mit einem roten Band und einem weißen Perlenfries, eine Darstellung des Himmlischen Jerusalem. Man findet dieses Detail auf der dritten Bahn, ganz unten. Diese Position ist für eine Darstellung des Himmlischen Jerusalem eher unüblich, meist findet sich diese Thematik in den oberen Fensterregionen. Möglicherweise hat man bei diesem Medaillon seine Position geändert: Das Fenster wurde während des Zweiten Weltkriegs auseinandergebaut, auch wurden bei mehreren Restaurierungen Veränderungen vorgenommen, teilweise wieder Rückgängig gemacht. Die angrenzenden Medaillons „Palmsonntag“ und „letztes Abendmahl“ deuten an, dass hier in der Reihung eine Irrtum vorliegen könnte.

Die Himmelspforte von Sainte-Anne besitzt eine weiße Laibung, rote Füllung und einen grünen Dreiecksgiebel. Sie wird gerade geöffnet, eine einzige Person mit einem hellen, grünem Gewand wird eingelassen. Wer dies sein soll, ist nicht mehr zu erkennen, da in diesem Bereich das Jahrhunderte alte Glas erblindet ist. Petrus, Christus oder Maria kommen ebenso in Frage wie ein einzelner Heiliger oder eine Heilige, vielleicht auch ein Engel wie in der Pariser Sainte-Chapelle.
Auf dem linken Drittel ist die Architektur der Himmelsstadt noch einigermaßen gut zu erkennen. Die rechte Seite ist hingegen mit einer lichtundurchlässigen bräunlichen Schmutzschicht überzogen und lässt Einzelheiten kaum mehr hervortreten.
Vorbilder für die Darstellung waren mittelalterliche Vorstellungen einer runden Gottesstadt, wie sie auch romanische Radleuchter oder Miniaturmalereien, vor allem im Liber Floridus, präsentieren. Die runde Form verkörpert die Vollendung und den Tierkreis, sie war neben dem Quadrat und der Pyramidenform stets in der Kunst präsent, wenngleich auch mit wenigeren Ausführungen. Hier bot sich selbstverständlich zusätzlich die Form des Medaillons an, die runde Form auch auf die Stadt zu übertragen: Rahmung und Inhalt bilden kompositorisch eine Einheit.
Anne Prache: Romanik der Île-de-France, Würzburg 1987.
Sainte-Anne de Gassicourt, Issy-les-Moulineaux 2002.
François Ripoche (Hrsg.): Sainte-Anne de Gassicourt, Paris 2002.
Claus Bernet: Große Künstler, großartige Kunst, Norderstedt 2020 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 48).



