Viele besuchen Goslar (Harz), um im Rathaus die Malereien des frühneuzeitlichen Huldigungssaals zu sehen – und stehen dann vor einer verschlossenen Glastür, durch die man nur Teile der Malereien verzerrt und ohne das räumliche Erleben erkennen kann. Den Versammlungssaal einige Räume weiter, im ersten Stock der Giebelfront zum Marktplatz hin, hinter spätgotischen Fenstern, finden nur sehr wenige Besucher.

Hier jedoch hat man (noch) die Möglichkeit, sogar spätmittelalterliche Malerei ohne übertriebene Schutzmaßnahmen zu erleben. Im Sitzungssaal, der noch heute in Gebrauch ist, befindet sich ein Gemälde aus den 1470er Jahren auf Holz, das das Jüngste Gericht darstellt. Es ist auf dem östlichen Schildbogen des Tonnengewölbes lokalisiert. Dieses Bild wurde dort erst 1959 unter mehreren Übermalungen wiederentdeckt und 1988 endgültig freigelegt – in der reichhaltigen älteren Literatur zu den Rathaus-Malereien wird man daher diese Wandmalerei nicht finden. In dem Raum, der bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht, wurde auch Recht gesprochen – die Thematik der Malerei hatte die Funktion, ähnliche wie in Bardejov, Lüneburg, Diepholz oder Basel, den Anwesenden den Ernst der Situation wortwörtlich vor Augen zu führen. Im Reigen dieser und anderer Gerichtsbilder ist das Beispiel aus Goslar das mit Abstand Älteste.

Unter einem Sternenhimmel präsidiert Christus in einer gotischen Mandorla über das Gericht, flankiert von Engeln, die Flöten spielen, Engeln mit den Leidenswerkzeugen, den Fürsprechern (Maria und Johannes dem Täufer) und dem himmlischen Gerichtshof der Apostel. Die Lilie und das Schwert symbolisieren das zweifache Urteil von Erlösung und Verdammnis. Im unteren Teil erheben sich die Toten aus ihren Gräbern. Die Guten werden von den Engeln ins Himmelreich geleitet; die Sünder werden in die Hölle geführt und in einen Feuerkessel geworfen. Dort befindet sich eine Höllenpforte in Analogie zur Himmelspforte links. Vor der Himmelspforte bewegen sich neun nackte Menschen auf einer Treppe nach oben, um durch die Pforte zu gelangen. Ihre körperlichen Extremitäten sind teilweise grotesk und stümperhaft gearbeitet, vor allem die Beine und Füße erscheinen verrenkt und ungelenk. Neben der Gruppe der Treppensteigenden finden sich links noch zwei weitere Nackte: Adam und Eva, die von einem Engel geleitet werden. Von der Pracht des Neuen Jerusalem erscheint recht wenig, die rötlichen Stadtmauern sind kahl und abweisend, im Gegensatz zur der auffällig in Szene gesetzten Prunktreppe.

Nur teilweise lesbare Inschriften mit den Sätzen in Latein sind am unteren Abschluss der Segmentmalerei erhalten: „venite benedicti…“ und „ite maledicti…“. Vollständig lautete das Zitat vermutlich: „Venite benediciti patris mei – ite a me malediciti in ignem aeternum“ (Matthäusevangelium Kap. 25, Vers 34: „Kommt zu mir, ihr Gesegneten meines Vaters – Geht weg von mir, ihr Verdammten, in das ewige Feuer“).
Rolf-Jürgen Grote, Kees van den Ploeg: Wandmalerei in Niedersachsen, Bremen und im Groningerland. Fenster in die Vergangenheit, Hannover 2001.



