Charles T. Russell: „The Finished Mystery“/„Das vollendete Geheimnis“ (1917 und 1919)

Ein älterer Mann, der auf einem Felssporn wie auf einer Theaterloge Platz genommen hat, blickt gebannt auf eine Himmelserscheinung. In seiner Hand befindet sich ein langer Stab: Er dienst vermutlich nicht zum Vermessen der Stadt, sondern als Pilgerstab. Besonders beeindruckt die Anordnung des Lichtes und belegt zeichnerisches Können: Konzentrische Lichtkreis schwingen bis an den Rand der Illustration. Im Mittelpunkt nimmt die Helligkeit zu, dort gehen Kreise in einheitliches Weiß über. Über einem Fundament erhebt sich ein Kubus. Man sieht zwei seiner Seiten, an denen sich jeweils drei Tore aneinanderreihen. Mit diesen Elementen der äußeren Gestalt ist eine wortgetreu Nachbildung der Beschreibung aus der Johannesoffenbarung unternommen worden. Damit sieht diese Illustration aus wie viele ähnliche Versuche von katholischer oder evangelischer Seite. Es handelt sich aber um einen frühen Bildbeitrag der „Internationalen Vereinigung der Ernsten Bibelforscher“. Man findet ihn als Frontispiz in „The Finished Mystery“ von Charles Taze Russell (1852-1916), einem Pastor aus den USA, der dort die Wachtturm-Gesellschaft mitbegründet hat. „The Finished Mystery“ war der siebte Band der Reihe „Studies in the Scriptures“, wobei sich „Schrift“ auf die Heilige Schrift, die Bibel, bezog. Die Schrift erschien posthum bei der „International Bible Students Association“, Russell konnte auf die künstlerische Gestaltung keinen Einfluss mehr nehmen.
Die „International Bible Students Association“ hatte damals ihren Sitz gleichzeitig Brooklyn/New York, London, Melbourne und Barmen. Dort, in Barmen, arbeitete man an einer deutschen Fassung, die kurz darauf entstand.

Erstaunlicherweise reproduzierte man nicht die Grafik der Erstauflage, an der man die vollen Rechte hatte, sondern investierte Geld und Mühe an eine künstlerisch höherwertige Illustration. Hier werden konzentrische Lichtkreis von zahlreichen Lichtstrahlen gekreuzt, die bis an den Rand der Zeichnung gehen. Johannes ist näher zum Betrachter gerückt, die Figur wird deutlicher, ihr Stock fehlt, eine Hand ist ehrfurchtsvoll aufs Herz gelegt. Die wichtigsten Änderungen finden sich beim Hauptgegenstand, dem Neuen Jerusalem. Eine Zierleiste über den Toren wiederholt jetzt deren Rhythmus, ist aber ansonsten der einzige Schmuck der Fassade. Das Fundament besteht hier nicht zufällig aus zwölf Stufen.

Man findet die Zeichnung in der Übersetzung „Das vollendete Geheimnis“. Diese erschien 1919 in Barmen, Zürich und New York, wo damals noch zahlreiche deutschsprachige Einwanderer lebten. Mit den beiden Illustrationen wollte man bewusst an gewohnte Sichtweisen anknüpfen und sich in die apokalyptische Darstellungstradition der letzten neunzehnhundert Jahre stellen. Es wäre interessant, welcher Künstler oder welche Künstlerin hier sein Können zur Verfügung gestellt hat. Beide Illustrationen sind nicht signiert, und es gibt in den Bänden keine weiteren Illustrationen, die Anhaltspunkte zu der Urheberschaft der Kunstwerke hätten liefern können. Gesichert ist, dass die Erstausgabe 1917 in Brooklyn gedruckt wurde; vermutlich hatte man dazu Illustratoren aus den USA herangezogen. Trotz Autopsie und archivalischen Nachforschungen vor Ort in den USA ist es bislang nicht gelungen, diesen Illustrationen einen Namen zuzuweisen. Komposition und Linienführung sollten deutlich machen: Hier war ein akademisch geschultes Talent mit Erfahrung am Werk. 

 

tags: Freikirche, USA, Bibelforscher, Kubus
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