Jakob Lederlein (1560-1600): „Naometria“ (1596) und „Nova Naometria“ (1604)

In der Frühen Neuzeit gibt es einen überschaubaren, aber hochinteressanten Kreis von Gelehrten, die sich mit der Apokalyptik, der Mathematik und der Naometria (der Tempelvermessungskunde) beschäftigten – nicht allein aus theologischer Perspektive, sondern auch aus naturwissenschaftlicher Sicht, oder dem, was man darunter im 16. und 17. Jahrhundert verstand. Simon Studion (1543 – ca. 1609) war einer von ihnen. Schon seine Tätigkeitsfelder: Dichtkunst, Archäologie, Religion, Politik und Theologie zeigen an: Hier haben wir es mit einem Universalgelehrten zu tun. Seine „Naometria seu Introductio ad Mysteriorum sacrorum cognitionem“ (Fertigstellung 1596, zweite Fassung als „Nova Naometria“ 1604) gilt als sein Haupt- und Lebenswerk – es sind 2000 Seiten aneinandergereiht mit apokalyptischen Berechnungen, biblischen Versen und Kommentaren – ob es überhaupt jemand vollständig gelesen hat, darf bezweifelt werden, denn eine Rezeption bei Zeitgenossen hat es so gut wie nicht gegeben. Dem ist auch dem Umstand geschuldet, dass die beiden Fassungen nicht in den Druck gelangten, sondern über Abschriften nur einem kleinerem Kreis von Interessierten bekannt wurden. Offensichtlich hat Studion selbst die Abschriften vorgenommen, um überhaupt etwas Resonanz zu bekommen. Diese haben sich größtenteils in der Württembergischen Landesbibliothek erhalten (Cod.theol.et.phil.fol.34 und Cod.theol.et.phil.qt.23,a).
Studion ging es mit der Schrift aber an erster Stelle darum, sich selbst Klarheit zu verschaffen – offensichtlich nur mit mäßigem Erfolg, er wurde streitbar oder sogar streitsüchtig und scheint ein Alkoholproblem gehabt zu haben. 1605 musste er aus dem Schuldienst entlassen werden – möglicherweise war er aber auch ein Opfer von Intrigen und Missgunst, da er es als eigenständiger Denker nicht einfach hatte.
Studion war ein Vertreter der Naherwartung, immer wieder kommt er auf das Neue Jerusalem zurück und setzt die biblischen Ereignisse in Beziehung zur Zeitgeschichte. Im Gegensatz zu anderen humanistischen Universalgelehrten hat er die Stadt auch graphisch darstellen lassen, und das nicht nur einmal. Die Fassung von 1596 bringt auf verschiedenen Stellen kleine Marginalzeichnungen. Diese stehen in einer intimen Beziehung zum Text, indem sie Schwieriges verdeutlichen, oder das zumindest versuchen. Die zahlreichen Zeichnungen sind mitunter von hoher Qualität, sie deuten auf eine akademische Ausbildung und werden Jakob Lederlein (1560-1600) zugeschrieben, einem erfahrenen Buchillustrator aus Tübingen. Es war sicher nicht einfach, sich bei den zahlreichen Details, die mathematische Genauigkeit erforderten, sich mit Studion ins Benehmen zu setzen.

Die erste Illustration zum Neuen Jerusalem findet sich in Kapitel 24, bzw. auf S. 189. Die Darstellung ist konventionell und bringt Elemente, die Studion auch von anderen Kunstwerken her kennen konnte, sie gehen weit zurück und finden sich bereits als Wandmalerei in San Pietro al Monte oder als Miniatur in den verschiedenen Prudentius-Ausgaben. Charakteristisch ist die (wenn auch perspektivisch ungeschickt umgesetzte) Quadratform der Stadt, die drei Tore an jeder Seite, die zwölf Wächterengel, Christus (als Lamm) im Stadtinneren. Originell sind die Säulen zwischen den Pforten – interessanterweise findet man sie nur auf der vorderen und linken Seite, hinten und rechts wurde auf die Basis und den Knauf (Kapitell) verzichtet.

Die „Nova Naometria“ (1604) wird ihrem Titel insofern gerecht, als dass hier auch ein ganzer Satz neuer Illustrationen zu Jerusalem gebracht werden (zunächst S. 11 in Teil 1 bzw. leicht variiert auf S. 907 von Teil 2). Hier kann man keineswegs behaupten, dass Lederlein die Künstler seiner Zeit kopierte – im Gegenteil. Sein Himmlisches Jerusalem ist gänzlich anders aufgebaut als die bislang bekannten zeichnerischen oder malerischen Umsetzungsversuche. Grundfigur sind die vier apokalyptischen Wesen. Von denen sind der Engel, der Stier und der Adler an den drei Schauseiten des dreieckigen Gebildes, dessen vordere Spitze abgeschnitten ist, dargestellt. Das Fundament, das Gebälk und die Säulen dieses Baukörpers sind überzogen mit biblischen Versangaben, Zahlen sowie Jahresangaben. Nicht ein Abbild der äußeren Stadt war das Ziel, sondern eine Entschlüsselung dessen, was das Äußere im Inneren zusammenhält. Zutreffend hat Studion diese Interpretation als „Hierosolyma mystica“ bezeichnet.
Die mystischen Spekulationen setzten sich fort, auf den Seiten 1563, 1564 und 1572 folgen insgesamt vier weitere Zeichnungen zum Thema.

Zunächst erklärt Stadion die Entstehung der Stadt aus dem israelitischen Lager (Fassung A), bis er dann eine höchst eigenartige Präsentation bringt: Diese Fassung B hat zwar zwölf Tore, aber in einer anderen Zusammenstellung als in der Johannesoffenbarung beschrieben, nämlich vorne vier, seitlich je drei und hinten nochmals zwei Tore. Gerade solche Spekulationen waren zwar originell, riefen aber die Kritik der Theologen hervor, die eine absolute Wortgläubigkeit des biblischen Textes vertraten.

Walter Hagen: Magister Simon Studion. Lateinischer Dichter, Historiker, Archäologe und Apokalyptiker, in: Schwäbische Lebensbilder, 6, 1957, S. 86-100.
Eberhard Kulf: Der Marbacher Lateinschullehrer Simon Studion (1543-16?) und die Anfänge der Württembergischen Archäologie, in: Ludwigsburger Geschichtsblätter, 42, 1988, S. 45-68.

 

tags: Renaissance, Humanismus, Chiliasmus, Tempelkunde, Pietismus, Apokalyptik, Mystik
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