Albert Decaris (1901-1988): Grafik „La nouvelle Jérusalem“ (um 1960)

Der Franzose Albert Decaris (mit vollem Namen Albert Marius Hippolyte Decaris) lebte von 1901 bis 1988. Nachdem er die Berufsschule in Estienne und die École des Beaux-Arts in Paris besucht hatte, gewann er mit nur 19 Jahren den angesehenen Prix de Rome und wurde 1943 Mitglied der französischen Académie des Beaux-Arts. Kurios erscheint heute seine Goldmedaille bei den olympischen Spielen 1948, als kurzzeitig auch einmal Wettkämpfe in Kunst ausgetragen wurden. Seine frühen Werke sind klassisch ausgerichtet, zeigen aber oft motivisch Einflüsse des Surrealismus.
In den 1960er und 1970er Jahre konnte Decaris nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen, es kam zu biographischen Krisen und Krankheiten. Vornehmlich arbeitete er als Designer und Gebrauchsgrafiker (vor allem Briefmarken). Seine große Leidenschaft: Kunstbüchern im Luxussegment. In den 1950er und 1960er Jahren wurden von ihm auch religiöse Themen aufgegriffen, so kam es ein Jahr vor seinem Tod zu einer großen Ausstellung seiner Sakralkunst bei den Jesuiten in Nimes. Themen waren aber eher allgemeiner Art, wie Pilgerdarstellungen, Schutzengel oder Christusfiguren. Dezidiert biblische Szenen sind in seinem Schaffen eine seltene Ausnahme; dafür steht beispielhaft der Kupferstich „La nouvelle Jérusalem“ der Größe 56 x 43 Zentimeter. Ein Exemplar aus dieser Serie befindet sich heute in der Sammlung der Londoner „Design & Artists Copyright Society“. Entstanden ist die Grafik vermutlich im Sommer 1961, als sich der Künstler einige Wochen zum Arbeiten in die Abtei Hautecombe zurückgezogen hatte.

Das Blatt ist eigentlich eine Architekturphantasie. Im unteren Bereich sieht man fünf Fassaden opulenter Pforten im Neobarock, überzogen mit Säulen, Voluten und Türmchen, denen meist eine Treppe vorgesetzt ist. Die ovale Stadt dahinter ist angefüllt mit Hochhäusern im Stil der neuen Sachlichkeit, etwas aufgelockert mit immer wieder zu findenden Vor- und Rücksprüngen. Die Bauten sind so eng gesetzt, dass Schluchten entstehen, aber man an keiner Stelle etwas Grün oder etwa einen freien Platz findet.
Das einzige Anzeichen von Leben ist ein gewaltiger Engel, der über der Stadt schwebt. Mit beiden Händen hält er einen Stab, um die Stadt zu vermessen – es ist also der in der Johannesoffenbarung beschriebene Engel, der Johannes die Stadt zeigt (was hier nicht dargestellt ist). Durch seine Flügel und die Flammen der Gloriole um ihn herum entsteht auch hier Bewegung, zumal das Bild schon durch die Bauten der Stadt eine gewisse Unruhe in sich trägt. Die Gloriole mit ihren züngelnden Flammen und konzentrischen Kreisen dokumentiert sein Können, zumal wenn man sich vor Augen führt, dass Decaris zuvor mit der Thematik des Nimbus auf Heiligenbildern nichts zu tun hatte. Anders ist es mit der Architektur, was der Maler schon in frühen Arbeiten der 1930er Jahre immer wieder aufgegriffen hat.

Richard Hirsch (Barb.): Engravings by Albert Decaris, July 5 – September 17, 1968, Allentown Art Museum, Allentown 1968.
Yolande de Brossard: Albert Decaris, 1901-1988. Graveur français. In: L’Orgue, 206, 1988, S. 21-36.

 

tags: Grafik, Surrealismus, Architekturphantasie
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