Walter Prolingheuer (geb. 1926): „Himmlisches Jerusalem“ (1989)

Dieses abstrakt-expressive Jerusalem hätte auch in den 1920er Jahren im Umfeld der Bauhaus gemalt werden können; es erinnert an Metropolis oder an Tauts Architekturutopien. Es entstand aber 1989 als auf Papier (59 x 42 Zentimeter groß) von Walter Prolingheuer (geb. 1926). Es handelt sich dabei um eine sogenannte Enkaustik. Bei einer Enkaustik wird buntes Wachs flüssig erhitzt und dann auf einen Malgrund – zum Beispiel eine Leinwand, Holz oder, wie hier, Papier aufgetragen. Das Erhitzen und Auftragen erfolgt meist mit einem speziellen Maleisen, das einem kleinen Bügeleisen gleicht, womit Prolingheuer sein Ziel am besten umsetzen konnte, nämlich die Darstellung „kristallartiger, harter geometrischer Formen der unvergänglichen Stadt“ – die sich hier oben als dreizackiges Gebilde hell vom Hintergrund abhebt. Die „alte Schöpfung“ unten wird durch einen Art Keil oder Hammer – in Analogie an Thors Hammer – in mehrere Teile zerschlagen. Nochmals Walter Prolingheuer:„Mich reizt die Auseinandersetzung mit Mythen und Sagen der Vergangenheit. Sie können m. E. selbst für unsere moderne Zeit, wenn auch von einer anderen Erfahrungsstufe aus, wichtige Einsichten vermitteln.“ Die ungewöhnliche Arbeit entstand als vorletztes Bild eines sechsteiligen Apokalypsezyklus.
Der Künstler Walter Prolingheuer wurde 1926 in Kamen (Ruhrgebiet) geboren und machte zwischen 1941 und 1944 eine Malerlehre in Unna. Nach dem Krieg besuchte er bis 1950 die Werkkunstschule in Dortmund und ab 1951 die Landeskunstschule in Hamburg. Nach beruflichem Schuldienst im Ruhrgebiet (Dortmund und Bochum) nahm er erst 1985 die Malerei wieder auf. Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben prägte dann Prolingheuers Denken und Kunst – in der Spannung von Tradition, Annahme und Kritik.

Claus Bernet: Das Himmlische Jerusalem in Deutschland, Norderstedt 2015 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 27).

 

tags: Abstrakt, Expressionismus, Braun, Ruhrgebiet
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