
Die kolorierte Zeichnung lässt wegen ihres klaren Aufbaus und vor allem in der Mauergestaltung an Kupferstiche der Frühen Neuzeit denken. Die im Inneren gezeigte Fantasiestadt, die sich aus antikisierten Bauwerken addiert, ist dagegen ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Man findet diese Abbildung auf Seite 304 des Jugendbuches „The Bible for Children“, die von der anglikanischen Kirche mit einem Vorwort des Erzbischofs von Canterbury herausgebracht und in der damaligen Tschechoslowakei gedruckt wurde. Die Erstauflage erschien 1969 in London mit 200 Farbabbildungen durch Octopus Books limited. Der oder die Künstler der vielen Zeichnungen in dem Band sind leider nicht namentlich genannt. Die Qualität deutet auf einen professionellen Illustrator, der hier sicherlich nicht zum ersten Mal tätig war. Das originale Werk hat sich glücklicherweise erhalten, es befindet sich heute in Australien (Melbourne, Stand 2014).
Mit den vier auslaufenden Stelzen sieht es aus, als würde diese Stadt auf dem Wasser stehen. Die drei Mauerpartien haben unten jeweils ein unspektakuläres, kleines Rundbogentor. So einfach der Zugang, so komplex der weitere Aufbau der Stadtanlage: Auf dem quadratischen Grundriss erheben sich zahlreiche antikisierte Bauten, so eng aneinander gesetzt, dass für Plätze ebenso wenig Raum ist wie für Grünanlagen oder Bäume, sondern es sogar notwendig wird, dass sich die Stadt im Hintergrund über Treppen und Türme nach oben schraubt. Die Architektur wirkt surrealistisch, ins Auge fällt ein flacher Kuppelbau rechts und ein Kolonnadenbau links, ähnlich wie bei der „Nelsons‘s Picture Bibel“. Christlich wirkt diese Stadt wenig, eher wie eine heidnische Stadtanlage mit Tempeln und Altären.
The Bible for Children, retold by Bridget Hadaway and Jean Atcheson, London 1969.
Claus Bernet: Zeichnungen, Norderstedt 2014 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 19).