Maria Immaculata-Fresko aus Notre-Dame in L’Épine (um 1530)

Notre-Dame de L’Épine ist eine bedeutende, überregionale Wallfahrtskirche aus der Zeit der Spätgotik. Man findet den Bau im Zentrum des Orts von Épine, der nach der Kirche benannt wurde, gelegen im Département Marne, mitten in der historischen Region Champagne. Die eigentliche Erbauungszeit zog sich von 1405 bis 1527 hin. Der Bau, der günstig am Weg nach Santiago de Compostela lag, wurde das Zentrum eine eigenen Marienwallfahrt: Am Ort seiner späteren Erbauung hatte man eine Skulptur der Muttergottes in einem Dornengebüsch gefunden, namensgebend für das spätere Heiligtum („l’épine“ ist der Dorn). Folgerichtig ist das Thema Maria auf zahlreichen Kunstwerken von Notre-Dame wiedergegeben.
Links vom Hauptaltar befindet sich Art Kapelle, die in den Chorraum der Basilika integriert ist.

Sie wird von der Gemeinde als „Tresor“ bezeichnet, dann auch als Reliquiar oder Tabernakel. Es handelt sich um ein steinernes Bauwerk im Flamboyant-Stil, welches als Mikroarchitektur eine Kirche in der Kirche darstellt. Im Inneren findet sich eine zwei Meter hohe Nische, die links durch einen niedrigen Zugang betreten werden kann. Die Nische ist zum Chorumgang geöffnet; durch das Maßwerkfenster blickt man direkt auf die Rückwand der Nische, die mit einer Darstellung der Lauretanischen Litanei ausgeschmückt wurde.

Die Kirchengemeinde und auch das Bistum besitzen heute keine Dokumente mehr, aus denen das Entstehungsjahr oder die Namen der beteiligten Künstler hervorgehen würden. Bautechnische Untersuchungen ergaben, dass dieser „Tresor“ am Abschluss der Bauarbeiten entstanden ist, um 1525. Kurz danach kam es in den 1530er Jahren zu den Ausmalungen. Das deckt sich auch mit dem Stil der darin integrierten Architekturmalereien im Stil der französischen Hochrenaissance.
Unten findet sich in der Mitte die Civitas Dei, also die Gottesstadt, flankiert von der heiligen Vase (links) und dem geschlossenen Garten (rechts). Die Civitas Dei setzt sich aus einem Hauptturm zusammen, mit jeweils zwei kleineren Seitentürmen. Diese erscheinen aus der Ferne synchron. Doch aus der Nähe erkennt man zahlreiche Unterschiede – etwa trägt der äußere linke Seitenturm ein Kuppeldach, der rechte ein Helmdach mit Knauf. Üblicherweise würde man zwischen der Stadt und der Marienfigur eine Mondsichel vermuten, worauf hier verzichtet wurde.
Oben rechts der Marienfigur steht ein massiver Monopteros.

Spätere Beispiele für die Himmelspforte als Rundtempel sind bekannt, hier ist er vielleicht der älteste erhaltene Beleg, zumindest in Frankreich. Würde das weiße Schriftband den Bau nicht als „Porta Coeli“ definieren, könnte man unsicher werden, um was es sich hier handelt. Zwischen zwei Säulen führen Treppen steil nach oben, hin zu möglicherweise einer kleinen Figur. Das Gitternetz darüber deutet ein  Fischblasen-Maßwerk an; dagegen kann das Ornament im Dreiecksgiebel (welches wie ein Knochen aussieht) nicht eindeutig zugewiesen werden. Ohnehin sind solche Details nur aus nächster Nähe zu erkennen.

Joseph-Alexandre Barat: Notre-Dame de l’Épine et son pelerinage, Châlons-sur-Marne 1868.
Luc-Benoist: Notre Dame de L’Épine, Paris 1933.
Jean Faguier: La basilique Notre-Dame de L’Épine, L’Épine 1977.
Jacques Philippot: La basilique Notre-Dame de l’Épine, Langres 2006.

 

tags: Tabernakel, Reliquar, Nische, Tresor, Champagne, Fresko, Frühe Neuzeit
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