Agnes Mann (1907-1994): Ehemalige Hauskapelle der Hünfelder Oblaten in Mainz-Hartenberg (um 1966)
Ein nicht mehr erlebbares Kunstwerk ist die Glaswand in der ehemaligen Hauskapelle der Hünfelder Oblaten. Wenn auch das Original verloren ist, so existieren doch eine sehr genau Entwurfszeichnung, die nun in den Status eines Originals aufgerückt ist. Das wertvolle Unikat (Acrylfarbe Tusche und Bleistift auf geweißtem Karton) wird in der Bibliothek des Priesterseminars von Fulda aufbewahrt (Inventarnummer 550011).
Es handelte sich bei dem Fenster um ein Kunstwerk von Agnes Mann (1907-1994) aus Mitte der 1960er Jahre. Damit ist es die mit Abstand früheste Auseinandersetzung der Künstlerin, die dieses Thema in ihrem späteren Schaffen bis in die 1980er Jahre noch öfters aufgreifen sollte. Auf Anhieb ist der Künstlerin eine überzeugende Lösung mit eigener Handschrift gelungen.
Kurz zu den „Hünfelder Oblaten“ – keineswegs ein Gebäck aus Hünfelden, sondern eine missionarische Ordensgemeinschaft in der römisch-katholischen Kirche, mit vollem Namen „Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria“. Gegründet wurden sie unter dem Eindruck der Französischen Revolution in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nach Deutschland kam die Bewegung 1895, als das Bonifatiuskloster in Hünfeld ihr Zentrum wurde. Von hier aus wurden auch die deutschen Kolonialgebiete missioniert, wie überhaupt die Kolonialarbeit die Hauptaufgabe der Oblaten gewesen war. Mit dem Ende der Kolonialära und vor allem im Zuge des allgemeinen Rückgangs des institutionellen Glaubens in Mitteleuropa ab der 1970er Jahre setzte auch der Oblaten-Niedergang ein; eine deutsche Ordensprovinz gibt es nicht mehr, das Oblatenkloster Saarbrücken wurde ebenso aufgelöst wie das Oblatenkloster in Mainz. Diesem hat das Schicksal besonders hart zugesetzt: Nach der Auflösung 2016 wurde die Kapelle profaniert, zusammen mit dem Wohntrakt vollständig abgerissen, das große Grundstück verkauft. An Stelle des Klosters entstanden Wohnblöcke, deren Name „Klostergarten“ noch an die Geschichte des Ortes erinnert. Teile der künstlerischen Ausstattung des Klosters, auch Teile der Fenster, sollen in das Benediktinerkloster Hünfeld gebracht worden sein, dort verlieren sich die Spuren.
Errichtet worden war das Gebäude 1960 als moderne Wohnblockanlage für die Provinzialleitung, den Verlag der Oblaten und den Marianischen Missionsverein. Die Buntglasfenster konnten erst um 1966 in die Unterkirche eingebaut werden. Beleuchtet wurden sie über einen Umgang im Anschluss an das Kellergeschoss – man muss sich das Glasbild im oberen Bereich wesentlich heller als unten vorstellen. Zunächst waren gar keine Buntglasfenster vorgesehen. Nach Anraten von Heinz Steckling, später Generaloberer der Oblaten, während seines Besuches sollten aber die karg empfunden Räumlichkeiten mit einem „künstlerischen Werk, dass den Anspruch unserer Bewegung kraftvoll unterstreicht“ ausgestattet werden. Neben Entwürfen von Jakob Schwarzkopf und Heinz Hindorf entschloss sich die Ordensgemeinschaft mehrheitlich für die Vorschläge von Agnes Mann – vor allem das Motiv des Himmlischen Jerusalem als Heimat aller Völker fand man für den missionarischen Anspruch überzeugender als eine Mariendarstellung oder ein Pfingstfenster.
Die drei Fenster wurden durch ein Gitternetz in neun gleichgroße Teilflächen untergliedert. Im mittleren Fenster liegt das Lamm Gottes mit einem weißen Heilgenschein, der gewusst an eine Hostie angelehnt ist.

Das Lamm ist im inneren Bereich von zahlreichen großen Kristallblöcken umgeben, weiter außen von Engel mit roten Flügeln. Zwei Perlentore ergänzen das Mittelfenster – ganz ähnliche Perlentore verwendete die Künstlerin übrigens etwa zehn Jahre später in Heilig Geist in Vellmar (1977). Weitere Teile der Stadt sind auch auf dem linken und rechten Seitenfenster zu sehen. Insgesamt wird man neun vollständige Tore finden, links, mittig und rechts jeweils drei Tore.

Die restlichen drei Tore gehen nach Norden, bzw. sind sie an der Rückseite der Stadt zu denken, daher findet man auf jedem Fenster oben einen schmalen roten Streifen als Fundament dieser restlichen Tore. Ein dunkelblaues Band zieht sich in Wellen von Tor zu Tor und umschließt die gesamte Stadt, gleichzeitig schwingt auch eine Assoziation an den Lebensfluss mit. Links außen bilden weitere dunkelblaue Scheiben den Hintergrund. Rechts hingegen sind einige weiße Raster übrig – auch hier waren blaue Scheiben angedacht, der Entwurf ist in diesem Bereich noch nicht abgeschlossen. Der Entwurfscharakter zeigt sich auch in zahlreichen Nummerierungen der Kompositionsskizze, vornehmlich in den Perlentoren, sie sich auf dem späteren Fenster selbstverständlich nicht fanden.
Claudius Gross, Josef Katzer, Helmut Schlegel: Durchlichtetes Wort. Glasfenster von Agnes Mann. Eine meditative Erschliessung, Stuttgart 1988.
Josef Krasenbrink: Und sie gingen in seinen Weinberg. 100 Jahre deutsche Ordensprovinz der Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria (Hünfelder Oblaten), Mainz 1995.
Günther Kames: Die Geschichte der Oblaten in Deutschland von 1895 bis 1995, Mainz 1995.



