2027 Richard Süßmuth (1900-1974): Ehemalige Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Helsa (1951)

In Helsa, einer kleinen nordhessischen Landgemeinde bei Kassel, errichteten die dortigen Katholiken mit Engagement und in Eigenbeteiligung nach dem Zweiten Weltkrieg eine keine Kirche. Ihr offizieller Name: St. Mariä Himmelfahrt, umgangssprachlich meist Marienkirche genannt. Der einfache und schlicht gehaltene Bau wurde Ende 1951 fertiggestellt und 1952 feierlich eingeweiht. Trotz geringer Mittel und der allgemeinen Not der Nachkriegszeit konnte man sich einen hervorragenden Glaskünstler leisten: Richard Süßmuth aus Immenhausen. Bislang hatte dieser Künstler einige Kirchenfenster in Schlesien entworfen und sich auf Glasdekor konzentriert, seine große Zeit als ein führender deutscher Künstler auf dem Gebiet der Sakralkunst sollte noch kommen. Er hatte unweit von Helsa gerade seine Glasmanufaktur in Immenhausen neu gegründet und erste Aufträge aus dem Bistum Fulda erhalten, von wo aus man den Künstler im August 1950 mit ersten Entwürfen beauftragte. Die Fenster sollten, so die Vorgabe, dem „1. schlichten Charakter des Raumes entsprechen, 2. den feierlichen Handlungen dieser Stätte gerecht werden, und 3. Figürliches zurückhaltend einsetzen“ – womit zuletzt wohl gemeint war, dass die Arbeiten bezahlbar sein mussten.

Süßmuth überzeugt mit einer eigenständigen Motivwahl, die auf dem Thema „Kronen“ basierte. Verschiedene Figuren, aber auch Wortfolgen, wurden zusammen mit gelbgoldenen Kronen dargestellt. Damit sollte ausgedrückt werden, dass bestimmte Eigenschaften oder biblische Ereignisse mittels Kronen positiv ausgezeichnet sind oder noch werden; Kronen sind immer gleichzeitig Ausdruck edler Eigenschaft und auch zukünftiger Belohnung. So weit bekannt, hat sich Süßmuth zu seiner ungewöhnlichen Idee, die man so anderswo kaum findet, nicht geäußert. Vermutlich brachte ihn das Motiv der Krone über die Märtyrerkrone zum Motiv des Himmlischen Jerusalem. Die Stadt hat hier eine Krone als Fundament. Der Bau darüber im Stil der Neuen Sachlichkeit ist eigentlich ein moderner Wohnturm, dem als alleiniger Schmuck ein Davidstern aufgesetzt ist. Heute ist solches nichts Ungewöhnliches, im Zuge der christlich-jüdischen Zusammenarbeit und Versöhnung finden sich seit den 1970er Jahren vermehrt Beispiele; vor Helsa kenne ich lediglich einen einzigen Beleg aus Columbus in den USA, übrigens ebenfalls ein Glasfenster.
Die Stadt wird in Helsa zusammen mit der Arche Noah präsentiert, die leider bereits Schaden erlitten hat. Diese Gegenüberstellung von alttestamentlichem und neutestamentlichem Rettungsort war gerade zu dieser Zeit populär; Ähnliches findet man auch in der Kirche von Kleinglattbach, der Petruskirche in Gablenberg oder in der Martinskirche in Rötenbach – alles evangelische Kirchen, während das Motiv im katholischen Kontext auf Glasfenstern anscheinend ein Novum war.
Letztlich spielen auch die Marienmotive eine Rolle; es war der ausdrückliche Wunsch des Gemeindepfarrers, dass dieses Thema von Süßmuth aufgegriffen wurde. In der Umsetzung war der Künstler relativ frei, denn vielerlei konnte als Mariensymbol gelten – beispielsweise zeigt die Kapelle Hergiswald weit über dreihundert solcher Mariensymbole. Im Rahmen der lauretanischen Litanei gehört die Civitas Dei zu den traditionellen, gerne aufgegriffenen Symbolen.

Die Geschichte der kleinen Kirche von Helsa fand ein abruptes Ende, nachdem das Bistum die Profanierung beschlossen hatte. Wird anderswo bei solchen Profanierungen argumentiert, die Kirche sei zu groß (und die Heizkosten zu hoch), so war es hier das Gegenteil: Die Kirche wäre zu klein, um erhalten zu werden – irgendein „Grund“ lässt sich immer finden, um sich selbst abzuschaffen. Die Baulichkeiten wurden daher verkauft, dann im März 2026 abgerissen. Die hiesigen (letzten!) Aufnahmen der Fenster datieren unmittelbar vor der Zerstörung.

Bei meinem Besuch war bereits der Bagger vorgefahren, wenige Stunden später lag die Kirche in Trümmern. Auch Kunstgegenstände gingen für immer verloren. Einige Fenster konnten gerettet werden, ihre weitere Zukunft ist ungewiss. Ein Teil ging an das Bistum nach Fulda als Teil einer Ausstellung zum Kirchenbau der Nachkriegszeit, ein weiterer Teil ist im Glasmuseum Immenhausen eingelagert. Damit sind sie genau an den Ort zurückgekehrt, wo sie über ein Jahrhundert zuvor entstanden sind.

Helmut Hannes: Richard Süßmuth – ein Bahnbrecher der modernen Glasgestaltung, in: Jahrbuch Landkreis Kassel, 15, 1987, S. 175-179.
Friedrich Karl Baas: Der Glasgestalter Richard Süßmuth von 1946-1966, Immenhausen 1998 (2).

 

tags: Hessen, Profanierung, Abriss, Arche Noah, Davidstern, Zionsstern
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