Escudos de Monja (Nonnenschilder) aus Mexiko (17. Jh.)

„Escudos de Monja“ gab es in Deutschland kaum, daher fehlt auch eine gängige Bezeichnung. Wortwörtlich heißt es aus dem Spanischen übersetzt „Nonnenschild“ oder „Nonnenabzeichen“. Es waren kleine Medaillons von etwa zehn Zentimetern im Durchmesser mit einer frommen Malerei, fast immer Maria. Sie konnten dazu verwendet werden, am Hals das Gewand zusammenzuhalten – selbstverständlich war es auch eine der wenigen Möglichkeiten, das schlichte Ordensgewand etwas aufzuwerten und zu verzieren. Entstanden und verbreitet waren die Escudos im 17. Jahrhundert. Es gab einfache Varianten aus Holz, die kaum die Zeiten überdauert haben, und wenige Werke großer Meister.
Der Eindruck trügt: Nonnenschilder wie bei den hier gezeigten Beispielen konnten sich nur wenige Nonnen leisten, vielleicht Äbtissinnen, und sie wurden auch nicht täglich getragen, sondern anlässlich des Hochamts oder an besonderen Festtagen.
Einige der Escudos zeigen auch diejenigen Symbole, die das Neue Jerusalem repräsentieren. Aufgrund der geringen Größe ist das so gut wie immer eine offene Himmelspforte: Sie war ohnehin das bekannteste Symbol der lauretanischen Litanei, für alle gut zu erkennen und auch ohne viel Aufwand schnell zu malen bzw. zu zeichnen.
Ein frühes Beispiel (oben) in Aquarell und Tusche wird auf das Jahr 1620 geschätzt. Ursprünglich könnte es aus dem Kloster Regina in Mexiko-Stadt herkommen, heute befindet es sich in Privatbesitz. Die Fachleute sind sich uneins, ob es von Luis Lagarto (1556-1624) oder seinem Sohn Andrés Lagarto (1589-1667) stammt, möglicherweise waren auch beide gemeinsam daran beteiligt. Andrés Lagarto fand jedenfalls Gefallen an diesen Objekten, von ihm stammen die weitaus meisten dieser Nonnenschilder, die einem Künstler konkret zugeordnet werden können. Man findet hier Maria umkreist von Engeln und biblischen und historische Gestalten (v.r.n.l: den Engel Gabriel, St. Augustinus, Josef, die Heilige Barbara, Petrus und einen zweiten Engel), um die herum eine doch beträchtliche Zahl von Mariensymbolen hinzugefügt wurde. Bei dem Objekt links oben könnte es sich auch um das Domus Aurea handeln, doch die Kombination mit dem Spiegel rechts und die Lichtstrahlen, die aus der Pforte kommen deuten auf die Himmelspforte hin. Eine Besonderheit der Nonnenschilder macht die eindeutige Zuweisung schwierig: So gut wie nie sind sie mit erklärenden Schriftbändern ausgestattet.

 

Eine weitere Darstellung der Maria Immaculata von Andrés Lagarto befindet sich heute im Kunstmuseum von Philadelphia in den USA. Die Pretiose gilt in der Wissenschaft als ein Hauptwerk dieses Künstlers. Es handelt sich um ein kleines Medaillon (Durchmesser 15 Zentimeter), welches mit Wasserfarben bemalt wurde. Die Farben sind überwiegend Grau- oder Beigetöne, so dass der Eindruck einer Grisaille entsteht. Das Medaillon mit einem kunstvollen Barockrahmen ist um 1640 entstanden. Das motivisch Besondere ist hier, dass zwei Engel ausschließlich mit ihren beiden Köpfen die Pforte zu balancieren scheinen. Diese Pforte ist mit Schmuckelementen und Ornamenten überzogen, als wäre es bereits eine Arbeit des spanischen Rokoko. Auch bei diesem Mariensymbol ist wieder eine Pforte innerhalb einer größeren Pforte angedeutet.

 

Ebenfalls diese Fassung wird Andrés Lagarto zugeschrieben, aus der gleichen Schaffensperiode. Farbe und Darstellungsweise sind jedoch ganz anders, ähneln der Malweise seines Vaters: helle, warme Farben, schwungvolle, barocke Pinselführung, horror vacui und bewegte Mimik wie Gestik. Gezeigt werden Gestalten aus dem Ordensleben. Darüber bewegen sich Engel, auch am Rahmen wird dieses Sujet fortgeführt. Es ist leicht zu übersehen, dass dieses Nonnenschild auch ein einiges Mariensymbol präsentiert: auf der höhe des Arms Mariens links eine offene, goldfarbene Himmelspforte mit dem für den Lagarto-Umkreis typischen Sprenggiebel.

 

Bei einem späteren Werk aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird die Maria Immaculata zusammen mit Antonius von Padua und dem heiligen Franz von Assisi gezeigt – offensichtlich ein Nonnenabzeichen mit einer Verbindung zum Franziskanerorden aus dem Gebiet des heutigen Mexiko, wo es herstammt. Die kostbare Arbeit entspricht kaum monastischer Schlichtheit dieses Ordens, sie basiert auf Buntstift, Gouache auf Pergament und hat zusätzlich mit einem Rahmen aus Schildpatt, Perlmutt und Messing. 2013 kam das Kunstwerk als Schenkung der Sammlung von Frederick und Jan Mayer in das Kunstmuseum von Denver. Oben links, im neuspanischen Kolonialstil, schwebt auf einer Wolke eine offene, barocke Himmelspforte. Und nicht nur das: Auf diesem Beispiel findet man unten rechts auch einmal die Stadt Gottes, als Agglomeration bräunlicher eng aneinander gesetzter Bauten über einem Streifen Stadtmauer.

Kellen K. McIntyre, Richard E.Phillips (Hrsg.): Woman and art in Early Modern Latin America. Leiden 2007.
James M. Clad Córdova: Flowers. Indigenous arts and knowledge in colonial Mexican convents, in: The Art Bulletin, 4, 93, 2011, S. 449-467.
Doris Bieñko de Peralta: Transatlantic circulation of objects, books, and ideas in Mid-Seventeenth Century Mexican nunneries, in: Mercedes Pérez Vidal (Hrsg.): Women religious crossing between cloister and the world. Nunneries in Europe and the Americas, ca. 1200-1700, Leeds 2022, S. 113-130).

 

tags: Neuspanien, Kolonialstil, Ordenskunst, Maria Immaculata, Kuriosa
Share:
error: