Conrad Hillebrand: Kastenbild der heiligen Familie (1608)

Im Vordergrund ist übergroß eine Marienfigur zu sehen, auf deren Schoss Christus Platz genommen hat; im Hintergrund rechts tränkt Joseph einen Esel – Thema ist die heilige Familie auf der Flucht, bzw. während einer kurzen Pause auf dieser Flucht. Darauf hin deutet der beiseite gelegte Tornister und Wanderstab unten rechts. Dort ist der Kupferstich mit „C. Hillebrand fec.“ signiert. Über diesen Künstler, Conrad Hillebrand, ist wenig bekannt, er ist nachgewiesen zwischen 1558 und 1608. Zweifelsohne muss er eine solide Ausbildung und Erfahrung gehabt haben, dennoch ist an weiteren bedeutenden Arbeiten nur noch ein anderer Kupferstich mit dem gleichen Motiv bekannt, offensichtlich sein bevorzugtes Thema.
Interessant sind die Beizeichnungen, die in einzelnen Kästen zu sehen sind, die wie ein Rahmen um das Marienbild gelegt sind. Es sind ausgewählte Symbole nach der Lauretanischen Litanei. Sie formen aber nicht nur zusammen einen Rahmen, sondern besitzen selbst jeweils abwechslungsreiche Renaissance-Rahmen – eine Spielerei, die man ansonsten eher im Barock findet. Allerdings: Zu dieser Zeit waren solche Rahmen mit den Mariensymbolen das Neueste, was man bieten konnte, Hillebrand war da ganz auf der Höhe seiner Zeit. Sie werden Kastenbilder genannt. Populär waren Kupferstiche wie die „Litaniae Singulis“ von Raphael Sadeler d. J. (um 1602), die bereits immerhin 15 äußere Kastenbilder präsentiert, die Immaculata des Hieronymus Wierix (vor 1604) mit bereits zweiundzwanzig Kastenbildern oder die Fassung von Pierre Firens Penta (um 1610).

Bei diesem Kupferstich sind oben vier Symbole in einem Kartuschenband zusammengefasst. Es sind vier Symbole, die alle mit dem Himmel zu tun haben, wie die Himmelspforte, ein Stern, die Sonne, der Mond und die Himmelsleiter. Bei der Pforte fällt sogleich die Asymmetrie auf: Rechts hat sie eine Säule, links einen Pilaster – man wird sehr lange suchen müssen, um nochmals eine solche Himmelspforte zu finden. Es handelt sich um eine offene Pforte, denn weiter links unten folgt die Porta Clausa in Form eines Kirchenbaus mit einer Fassade aus vier dorischen Säulen. Unten schließt sich der Bogen der Symbole, die das Neue Jerusalem darstellen, mit der Civitas Dei. Sie zeigt unterschiedlicher Bauten hinter einer Stadtmauer, im Prinzip ähnlich wie auf der erwähnten „Litaniae Singulis“.
Der 28 x 22 Zentimeter große Kupferstich gehört nicht zu einem Buch, sondern war als separater Kunstdruck gedacht. Die Auflage betrug 1608 einhundert Stück, erhalten haben sich nur wenige Exemplare, die sich heute meist auf Kunstauktionen finden lassen. Dieses stammt jedoch aus der öffentlichen Sammlung des Kupferstichkabinetts des Reichsmuseums Amsterdam (Inventarnummer RP-P-1878-A-2065).

Hollstein‘s German engravings, etchings and woodcuts, 13, A: Jacob van der Heyden to Nikolaus Hogenberg (1400-1700), Amsterdam 1984.

 

tags: Rijksmuseum Amsterdam, Niederlande, Kastenbild, Heilige Familie, Kupferstich, Renaissance
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