Der südafrikanische Künstler Azariah Mbatha (1941-2018) hatte 1994 einen Linolschnitt geschaffen, von Beginn an in Zusammenarbeit mit der katholischen Organisation Misereor. Das Thema war Fremdheit und Gastfreundschaft; ganz bewusst sollte die Arbeit mit dem Titel „Gott begegnen im Fremden“ „afrikanisch“ wirken und damit bestimmte Erwartungshaltungen und Bedürfnisse in Deutschland abzudecken. Dazu hatte der Künstler 1992 eine dreiseitige Anleitung des Aachener Bistums erhalten, in der detailliert die gewünschten Szenen beschrieben waren, die alle verwoben sein sollten mit der Situation der Menschen in Afrika. In Deutschland wurde der schwarz-weiße Linolschnitt von der damaligen MVG Medienproduktion vor allem als Hungertuch (170 x 250 Zentimeter groß) vertrieben. Viele Gemeinden gestalteten eigene Hungertücher nach diesem Vorbild, als eine von vielen sei die Gemeinde Christkönig in Schöneck-Kilianstädten genannt. In dieser Zeit vor dem Internet war dies für viele Mitglieder der Gemeinden eine erstmalige Auseinandersetzung mit der Zulu-Kultur, auf die sich Mbatha formgeschichtlich bezog. Vor allem in der Religionspädagogik und in Gemeindezeitschriften ist damals diese Arbeit ungewöhnlich breit diskutiert worden.

Die Motive zeigen unter anderem Abraham, Moses, die Emmausgeschichte und in der oberen Mitte unter Jesus mit erhobenen Armen das Neue Jerusalem nach dem in der Bibel erwähnten Motiv als Haus mit vielen Wohnungen. Es ist die Vision des Reiches Gottes, das zum Baum wird, in dessen
Zweigen die Vögel des Himmels Wohnung finden (vgl. Markusevangelium Kap. 4, Vers 30-32 und Parallelstellen). Die Stadt ist anders als in der europäischen Bildtradition dargestellt, auch anders als nach der biblischen Beschreibung. Hinter eine schwarzen Block mit einem Fries aneinander gesetzter Quadrate erheben sich zwölf unförmige Bögen in unterschiedlicher Größe, die unten jeweils ein Zugangstor haben. Links ist dies ein einfacher Bogen, rechts ein doppelter. In der Mitte ist die Füllung weiß; in diesem Tor steht eine Figur, die mit ebenfalls erhobenen Armen einen Bezug zu Jesus herstellt. Über der Stadt sind einige der erwähnten Vögel im Baum des Lebens eingearbeitet.
Südafrikanische Passion. Die Linolschnitte des Zulu Azariah Mbatha, Berlin 1979.
Azariah Mbatha – Der Künstler des Hungertuches und seine Bildsprache. Katalog zu einer Wanderausstellung, Aachen 1994.
Theo Sundermeier: De kunst van de Afrikaan Azariah Mbatha, in: Wereld en zending. Tijdschrift voor interculturele theologie, 34, 1, 2005, S. 27-35.
Petra Gaidetzka (Bearb.): Unterrichtsmaterialien zu drei MISEREOR-Hungertüchern ; für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe I, Aachen 2015.



