
Weltweit entstanden bei der Wende vom zweiten ins dritte Jahrtausend in Ländern der christlichen Zeitrechnung deutlich mehr Arbeiten mit apokalyptischem Hintergrund, speziell Darstellungen des Himmlischen Jerusalem waren in Mode. Das lässt sich auch in Argentinien feststellen. Silvia Kum aus Resistencia, der Hauptstadt der argentinischen Provinz Chaco, hatte damals etwa zehn Ölgemälde zum Thema Jerusalem gemalt. Zuvor hatte sie in ihrem Heimatstadt an der Universidad Nacional del Nordeste Kunst studiert und seitdem immer wieder an Ausstellungen in ganz Lateinamerika teilgenommen. Heute ist sie mit ihren lebensfrohen bunten Malereien eine der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen in einem Land, dass eher durch Krisen und Schwierigkeiten geprägt ist.
Das Werk mit dem Originaltitel „Nova Jerusalem 2“ entstand um das Jahr 2000. Ein „Nova Jerusalem 1“ ist nicht bekannt, aber weitere Gemälde von Silvia Kum, die Jerusalem immer wieder als kleine Ansammlung violetter Häuser, schief und verworren wie ein osteuropäisch-Jüdisches Städtchen bei Nacht darstellen.
Offensichtlich scheint es auch bei „Nova Jerusalem 2“ zu dämmern oder Nacht zu sein; Gestirne oder der Mond sind aber (noch) nicht zu sehen. Bunt zusammengewürfelte Häuser und Architekturfragmente in hauptsächlich violetten und gelbgrünen Farbtönen dominieren die Szenerie. Sie sind in bis zu drei Schichten übereinander gesetzt und ziehen sich fast vom unteren bis an den oberen Rand. Markant ist ein rotes Haus im Vordergrund mit einer aufgesetzten Kugel, vielleicht eine Synagoge? Jegliche traditionellen Anklänge an das Himmlische Jerusalem (also Stadtmauern, Edelsteine, Perlen, Heilige, Engel, Christus) fehlen, nur der Titel, den die Künstlerin diesem Bild gegeben hat, verrät etwas von ihrer Vorstellungswelt der biblischen Stadtutopie.
Claus Bernet: Latein- und Südamerika, Norderstedt 2016 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 39).