Jean de Bondol, Nicolas Bataille: Bildteppich der Apokalypse von Angers (1378-1380) und Kopie
Die Apokalypse von Angers besteht aus 84 Szenen auf sieben Wandteppichen aus Leinen. Jeder der Teppiche war im Original sechs Meter hoch, fünf davon waren 24 Meter lang. Die meisten Szenen haben sich erhalten, wenngleich auch wie durch ein Wunder: 1782 wurden sie von der königlichen Domänenverwaltung Frankreichs zum Verkauf angeboten. Während der Französischen Revolution zerschnitt man die sieben Teppiche und benutzte sie als Bettvorleger, Decken oder Abdeckplanen, um Orangenbäumchen im Winter vor der Kälte zu schützen. Gerade diese Stücke sind gut auszumachen, da sie ihre ursprüngliche Farbkraft nicht verloren haben. 1843 schließlich erwarb der Bischof von Angers einen großen Teil der Teppichfragmente von der Domänenverwaltung zurück, andere fanden sich erst im Laufe der Jahre wieder. Trotzdem blieb etwa ein Drittel der Szenen für immer verloren. Heute geht man mit der Pretiose freilich sorgsamer um, gewissermaßen schlägt das Pendel jetzt in die andere Richtung. Um endlich vor den Teppichen stehen zu können, müssen verschiedene Räume, ja ganze Gebäude, durchwandert werden. Man hat sich ein subtiles System von Raumabfolgen ausgedacht, die auf den Besucher ehrfurchtsvoll wirken (sollen). Selbst eine Audienz beim Papst ist weniger spektakulär. Man findet die Teppiche im Château du Roi René auf dem Burgplateau von Angers. Diese mächtige Anlage über der Stadt, auf einem Felsvorsprung über dem Fluss Maine, mit zahlreichen Bastionen (30 Meter hoch) sieht bereits selbst aus wie das Himmlische Jerusalem, oder doch zumindest so, wie man es sich im Mittelalter hat vorgestellt.

Durch die „enge Pforte“ (Porte de la Ville) gelangt der Besucher über einen Wassergraben zunächst über einen meterdicken Tunnel in den (ersten) Innenhof.

Dort wird er von ausgedehnten Gartenanlagen überrascht, Gesamtgröße 20.000 Quadratmeter. Er muss sich in Richtung des Chatelet bewegen, ein verspieltes Eingangstor und Torhaus aus dem 15. Jahrhundert.

Anschließend betritt man einen zweiten Innenhof, der einige Meter tiefer gelegen ist. Über breite Treppen geht es nach unten. Das dortige Gebäude ist 1953/54 extra für die Teppiche errichtet worden und soll mit seinen abgedunkelten Räumen die Stücke vor dem weiteren Verbleichen bewahren.

Zunächst muss man mehrere laute und überfüllte Verkaufsräume durchwandern, die 1996 hinzugefügt wurden. Dahinter gelangt man in den ersten Vorraum. Hier herrscht auf einmal absolute Stille, lediglich leise Musik begleitet eine Multimediapräsentation, die zu den Teppichen informiert und nochmals auf ihren Wert hinweist.

Ein zweiter Raum ist eine Schleuse; hier herrscht rotes Dämmerlicht, bis sich wie von alleine die Schiebetür öffnet und die nächsten Besucher eingelassen werden.

Nun erst steht man vor den ersten Teppichen. Diese hängen ausschließlich an der linken Seite zweier langer langer Hallen, die wie der Buchstabe „L“ einen rechten Winkel bilden. Auf der linken Seite laden rote Bänke zum Verweilen ein.

Ich durfte die Räumlichkeiten außerhalb der Besuchszeiten aufsuchen, üblicherweise muss man sie sich angefüllt mit Hunderten Besucher vorstellen – an manchen Tagen ist der Andrang so groß, dass stundenlanges Warten noch die Spannung erhöht. Die letzten Geschehnisse der Apokalypse und das Erscheinen des Neuen Jerusalem findet man erst ganz am Ende der zweiten Halle, es sind hier übrigens die einzigen Teppiche, die nicht an der Längsseite, sondern Breitseite hängen.


Zwei der Teppiche zeigen das Neue Jerusalem, nämlich „Gottes Wohnen unter den Menschen“ (Offenbarung des Johannes, Kap. 21, Vers 1-8) und „Das neue Jerusalem“ (Johannesoffenbarung Kap. 21, Vers 9-27). Ursprünglich befand sich unter jedem Bild ein Text, der den Bildinhalt wiedergab. Diese Textstreifen sind jedoch meist verloren gegangen. Die Bilder haben abwechselnd einen roten und einen blauen Hintergrund. Die Gottesstadt präsentiert sich in beiden Fällen als Märchenschloss mit Türmchen und in einer polygonalen Gestalt, die weder mit dem Quadrat noch mit dem Kreis etwas zu tun hat. Die Szene an sich und so gut wie jede Einzelheit kennt man aus zahlreichen Miniaturen des 14. Jahrhunderts. In Angers ist aber (soweit bekannt) nicht aus Miniaturen kopiert worden, sondern die Bilder sind eigene Geschöpfe des Künstlers Blondol.

Im ersten Bild zeigt Gott, im zweiten ein Engel dem Seher Johannes die Stadt. Einmal schwebt die Stadt über Wasser, einmal steht sie zwischen Blumen und Bäumen inmitten einer Wiese. In beiden Fällen ist links am Bildrand eine weitere Architektur angedeutet. Bei dem Teppich mit dem roten Hintergrund ist dort eine Tür geöffnet, die man eigentlich bei der Stadt erwarten müsste.

Über dieses Meisterstück mittelalterlicher Webkunst ist viel geschrieben worden. Es ist mit Sicherheit der älteste erhaltene Wandteppich Frankreichs und vielleicht der größte Apokalypsezyklus, der jemals gewebt wurde. Er muss in mehreren Jahren zwischen 1378 und 1380 entstanden sein, nach einem Entwurf von Jean de Bondol (oder Hennequin von Brügge) als Auftrag von Herzog Ludwig I. von Anjou. Für welchen Zweck oder welchen Raum diese Tapisserien gedacht waren, ist nicht mehr verifizierbar. Die Ausführung lag in der Verantwortung von Nicolas Bataille, einem talentierten und bekannten Webermeister von Paris, der dafür eine personenstarke Werkstatt unterhielt. Über Arbeitsbedingungen und Entlohnung ist leider nichts überliefert. Je länger sich die Arbeit an den Teppichen hinzog, umso mehr bemühte man sich hier, die Qualität zu steigern (in den meisten Fällen ist es umgekehrt). Nach sieben Jahren war alles fertig. Die ersten Szenen haben allesamt einen monochromen, einfachen Hintergrund. Später fügte man Blumen, Sterne oder Rankenwerk hinzu. Auch von daher kann man vermuten, dass die beiden Szenen mit dem Himmlischen Jerusalem zuletzt entstanden sein müssen.
Wilfried Hansmann: Die Apokalypse von Angers, Köln 1981.
Pierre-Marie Auzas: Die Apokalypse von Angers, München 1985.
Johanna Scheel: Bilder der Apokalypse im Spätmittelalter. Die Apokalypse von Angers, Frankfurt am Main 2006.
Liliane Delwasse: La tenture de l’Apocalypse d’Angers, Paris 2007.

Motive des berühmten französischen Wandteppichs wurden bei mindestens einem monumentalen modernen Glasfenster kopiert. Ein Ausschnitt einer Glaswand der Pilgerkirche San Pio in der süditalienischen Stadt San Giovanni Rotondo (Apulien), welche der Amerikaner Robert Rauschenberg (1925-2008) im Jahre 2004 geschaffen hat. Er zeigt die Stadt Gottes in der Fassung „Gottes Wohnen unter den Menschen“ (Johannesoffenbarung Kap. 21, Vers 1-8). Zwar zeigt der Ausschnitt die Handschrift eines modernen Künstlers, verzichtet aber nicht auf kleinste Details wie ein lateinisches Kreuz im Dachbereich oder das Fallgitter im mittelalterlichen Tor. Gerade wegen der Genauigkeit der Kopie gegenüber dem Original ist es eigenartig, dass die Wiedergabe offensichtlich seitenverkehrt ist.



