Ernst Fuchs (1930-2015): Fuchs-Kapelle der Kirche St. Egid in Klagenfurt (2007)

Ernst Fuchs (1930-2015) ist für seine überbordenden Fantasiewelten bekannt. Weniger bekannt ist, dass Fuchs auch ein religiöser Künstler war, der sich mit christlichen Themen auseinandersetzte und sich auch mit Sakralkunst beschäftigte. Bei Fuchs ist das Himmlische Jerusalem von einer magischen Fabel- und Feenwelt umgeben, die zunächst mehr an „Herr der Ringe“ als an das Christentum erinnert, zumal die meisten Betrachter die christlichen Bildinhalte nicht mehr erkennen oder gar nicht kennen.
In den 1990er Jahren war Fuchs verstärkt als Architekt und Raumgestalter tätig und schuf unter anderem auch die St.-Jakob-Kirche in Thal bei Graz, wobei damals besonders die Verwendung kräftiger Farben auffiel. Das ist auch bei seinem Werk „Das göttliche Jerusalem“ der Fall, welches in der römisch-katholischen Kirche St. Egid in Klagenfurt umgesetzt wurde. Mit der Technik der Lasurmalerei konnte Fuchs eine besondere Tiefenwirkung erzielen. Im Entwurf (1,70 x 3,10 Meter, 1994/95, Tempera, Pastellkreide und Ölfarben) blickt man durch eine Öffnung in einer dichten Rosenhecke auf das endzeitliche Geschehen.

Bereits diese Perspektive ist ein einzigartiger, noch nie dagewesener Einfall. Manche weitere Einzelheiten, wie der Adler rechts oder der Faun mit der Weltkugel links, lassen sich nicht nur biblisch erklären – etwa als Adler des Johannes oder als der gebundene Satan –, sondern es sind Szenarien aus den Visionen des Künstlers. Das Himmlische Jerusalem ist zweimal dargestellt: Einmal unten mit einer hellgelben Wand, die von Toren überragt wird, in der hohe Engelsfiguren stehen. Ihre hohen Flügel formen quasi die Bögen der Tore. Ein zweites Mal erscheint das Himmlische Jerusalem darüber als schwebender, opaker Kubus. Dieser ist nicht, wie der erste Eindruck erwecken mag, an der Oberfläche gänzlich weiß, sondern filigran mit Gesichtern, Knospen oder Blüten und Blattwerk strukturiert.
Betritt man die südliche Kapelle von St. Egid, wird man in eine bunte und mitunter auch fremde Bilderwelt entführt, von der das Himmlische Jerusalem lediglich einen sehr geringen Teil ausmacht. Man findet es als Deckenmalerei auf Aluminiumtafeln (die mit ihren Kanten und Oberflächenstruktur gelegentlich hindurchscheinen) im Eingangsbereich. Die vorgesetzte Eisenstange gehört zur Deckenkonstruktion und trägt die Arlarmsicherung, was zu neuen Assoziationen in Hinsicht auf das Neue Jerusalem anregen mag.

Fuchs hat sich sehr eng an den oben beschriebenen Entwurf gehalten, aber auch Änderungen vorgenommen. So erklärt er: „Die Bauleitung wollte einen klareren, feierlichen Tenor. Nach langer Diskussion mussten die Blüten weichen. Hier findet man nun schweren, blauen Stoff, der an Seide erinnern soll. Wie auf einer Theaterbühne soll man auf die endzeitlichen Ereignisse einen Blick werfen können, ohne das bereits das ganze Stück gespielt würde.“ Man muss sich vergegenwärtigen, dass Fuchs mit den Pfarrern der Gemeine gerne Abende verbrachte, wo über die einzelnen Schritte der Malerei philosophiert wurde – auch das Himmlische Jerusalem wird Thema gewesen sein. Ursprünglich sollte Fuchs die gegenüber liegende Kapelle ausmalen, doch man wurde sich über den Preis nicht einig und ging zunächst auseinander. Nach einem halben Jahr meldete sich der Maler aus Wien und bot an, die Arbeiten allein gegen Kost und Logis auszuführen. Damit hatte er in der Motivwahl sicherlich andere Freiheiten als bei einer bezahlten Auftragsarbeit. Über zwanzig Jahre kam der Meister gelegentlich nach Klagenfurt, um zwischen anderen Aufträgen hier weiterzuarbeiten, manchmal alleine, manchmal mit Mitarbeitern. Im Ergebnis ist ein Juwel der modernen Sakralkunst einstanden, in einer Art barockem Neojugendstil, der völlig konträr zu der übrigen (katholischen) Sakralkunst mit ihrer Strenge, Entchristlichung und Monochromie steht. Im Ergebnis ist so in Klagenfurt einer der schönsten, vielleicht sogar der schönste Kirchenraum seit 1945 entstanden.

Gerhard Habarta: Ernst Fuchs. Das Einhorn zwischen den Brüsten der Sphinx. Eine Biographie, Graz 2001.
Luitgar Göller (Hrsg.): Bilder der Bibel, Bamberg 2003.
Karl M. Woschitz: Ut Pictura Poiesis, in: Christian Wessely (Hrsg.): Kunst des Glaubens – Glaube der Kunst, Regensburg 2006, S. 348-374.

 

tags: Kärnten, Österreich, Surrealismus, Lasurmalerei, Rose, Adler, Teufel, Kubus, Kapelle, Tempera, Kreide
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